Der Coronavirus hat die Sportwelt auf den Kopf gestellt. Doch wie sieht die Sportwelt nach Corona aus? Sportsoziologe Univ.-Prof. Mag Dr. Otmar Weiß sieht durch aus positive Chancen für den Sport, speziell für den Spitzensport. Ein Interview über die sportliche Betätigung in der Corona-Zeit, die wichtige Rolle der Vereine für die Gesellschaft und ein möglicher humaner Neustart im Sport.

Das Interview wurde am 14. April geführt.


Herr Weiß, betreiben Sie derzeit Sport?

Ja natürlich. Ich halte mich fit. Ich hab mein Leben lang Sport betrieben und das mache ich natürlich auch jetzt.

Welchen Sport betreiben Sie derzeit?

Ich gehe in den Park laufen, mach meine Übungen – Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination – damit ich mich körperlich fit halte. 

Viele ÖsterreicherInnen sind durch Corona in den letzten Wochen auf den Geschmack gekommen Sport zu machen, sei es Radfahren, Laufen oder einfach nur Spazieren gehen. Warum war das so?

Weil die Bewegung generell eingeschränkt ist. Nicht nur der soziale Kontakt sondern auch die körperliche Bewegungsmöglichkeiten sind auf enge Räume beschränkt. Bewegung ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Da macht sich eben durch dieses veränderte Verhalten dieses Grundbedürfnis nach Bewegung verstärkt bemerkbar.

In Ihrer Studie aus dem Jahr 2016 haben Sie und Ihr Team festgestellt, dass die regelmäßige sportliche Betätigung mehr Gesundheitskosten senkt als sie verursacht. Wenn sich jetzt dieser Trend halten sollte, dann kann man davon ausgehen, dass das eine positive Auswirkung hat, oder?

Das würde ich genauso sehen. Wenn man sich körperlich fit hält, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit zu erkranken. Dann fallen weniger Krankheitskosten an und auf diese Weise erspart sich der Staat, volkswirtschaftlich gesehen, Kosten, die bei weniger Bewegung verstärkt auftreten und dem Gesundheitssystem zur Last fallen.

Während die Gesellschaft mehr Sport betreibt, war sie und ist noch voneinander getrennt. Was macht das mit ihr?

Die Folgen sind eigentlich noch gar nicht abschätzbar. Im Grunde ist das jetzt ein höchst ungesundes Verhalten, das auch dem menschlichen Eigentümlichkeiten, Besonderheiten und Bedürfnissen weitgehend zuwider läuft. Denn der Mensch ist nicht nur ein soziales Wesen, er braucht nicht nur verbale Kommunikation sondern auch Körperkommunikation. Die Nähe ist etwas ganz Wichtiges. Wie wir uns jetzt verhalten, ist jetzt nicht nur unnatürlich sondern lauft den Grundbedürfnissen des Menschen zuwider und hat natürlich Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung, auf die Befindlichkeit. Die Tragweite wird man erst im Nachhinein feststellen können.

Die sportliche Betätigung geht mit dem Breitensport und den kleinen Sportvereinen einher. Diese kämpfen auch mit der Corona-Krise. Spielen diese Vereine nach der Krise eine wichtige Rolle?

Da sprechen Sie ein wichtiges Thema an. Man kann die Rolle der Vereine, nach dieser Zeit oder auch generell gar nicht zu hoch einschätzen. Was Vereine für die Gesellschaft leisten, das ist in Wirklichkeit nicht sichtbar. Sie sind ein wichtiges Bindeglied für die Gesellschaft und erfüllen hier Funktionen, die durch nichts anderes ersetzt werden können. Man wird jetzt erst nach dieser Krise sehen, wie wichtig die Bewegung für den Menschen ist und Vereine bieten genau das an. Umso mehr wird die Arbeit in Vereinen aufgewertet werden, weil sie für die Entwicklung – vor allem für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen – eine ganz wichtige Rolle spielen. Aber nicht nur für die jungen Menschen, sondern auch für die älteren. Es bedeutet sehr viel an Lebensqualität, wenn ältere Menschen in Bewegung bleiben können. Da sind wir wieder beim Thema Krankenskosten sparen.

Jetzt sind nicht nur die Vereine wichtig, sondern der Sport als Ganzes. Oft gilt der Sport auf nationaler Ebene als Identifikationsobjekt, besonders nach schweren Phasen in der Geschichte. Wird das möglicherweise ein Thema werden in Österreich?

Das ist längst ein Thema. Nämlich, wie Sie sagen, die Identifikation über den Sport, über Bewegung, aber vor allem die Identitätsentwicklung. Sport und Bewegung trägt wesentlich zur Selbstfindung bei. Für die Identitätsbestätigung des Einzelnen spielt der Sport, die Bewegung eine ganz entscheidende Rolle. Nicht nur für die körperliche Entwicklung des Einzelnen, sondern auch wie Sie vorhin angesprochen haben, aus der psychomotorischen Sicht. Weil Lernen ist auch Bewegungs- und Wahrnehmungslernen. Bewegungssport ist ein wichtiges Medium, über das sich die Persönlichkeit entwickeln kann. Nicht nur zu siegen und zu verlieren, sondern wie gehe ich mit meinen Emotionen um? Weil eben hier der ganzheitliche Ansatz zum Tragen kommt, weil der Mensch mit mehreren Sinnen gleichzeitig lernt. Diese Ganzheitlichkeit des Lernens bürgt auch für Qualität. Die Qualität des Lernens hängt damit zusammen, dass es mit mehreren Sinnen gleichzeitig erfolgt. Erst wenn es in den Sinnen ist, ist es im Verstand und umso wichtiger ist es, dass man Bewegung und Sport für Lernprogramme bzw. Lernziele einsetzt, die man erreichen möchte.

Durch das Handhaben des Virus, das jetzt nationalorientiert ist, kann es sein, dass ein verstärkter Nationalismus vorherrschen wird, auch im Sport?

Nationalismus war noch nie gut und wird nie gut sein. Nationalismus führte immer in die Barbarei und in die Vernichtung der Menschheit. Der gegenteilige Ansatz wäre zu forcieren, das wäre die Integration und es gibt keine bessere Möglichkeit Integration zu leisten, als über Bewegung und Sport. Umso wichtiger ist Bewegung und Sport, um gegen solche Tendenzen zu wirken.

Falls es so passieren sollte, kann das Ganze auch gefährlich werden?

Ja, Nationalismus ist immer gefährlich. Wehret den Anfängen, diese Tendenzen sind destruktive Tendenzen. Sie bringen den Menschen nicht weiter, sondern zerstören das Soziale, das Menschliche, das Humanitäre. Umso wichtiger ist es, dass man hier entgegen wirkt. Mit Bewegung und Sport kann man am besten erkennen, was dem Menschen gut tut und was ihm schadet. Solche Tendenzen könnte man mit Sport Einheit gebieten. Wobei Sport das Gegenteil auch bewirken kann, wie man weiß, eben Nationalismus auch fördern kann. Aber da muss man eben wachsam sein und diese Tendenzen von Anfang nicht einreißen lassen.

Neben dem Breitensport, gibt es natürlich auch den Spitzensport. Hier kämpfen die Vereine, die oft eine riesige Fanbasis haben, finanziell mit der Krise. Was macht das mit den Fans, für die der Verein oft wie eine Religion ist, wenn dieser kurz- oder langfristig nicht mehr da ist?

Das ist eine gute Frage. Da fällt ein wichtiges Identifikationsobjekt, wie eben der Verein, für den Einzelnen komplett aus. Diese Rolle muss dann jemand anders übernehmen, Man identifiziert sich, bis hin zu religiösen Gefühlen. Da sieht man, welche wichtige Rolle der Sport, vor allem der Zuschauersport spielt. Der Spitzensport übernimmt eine wichtige Rolle durch diese Identifikation und Vorbildfunktion. Umso wichtiger ist es, dass Sport wieder nach dieser Corona-Krise einen Platz in der Gesellschaft einnimmt. Allerdings wird man auch das System Sport überdenken müssen. Nämlich alles, was übertrieben ist, muss man genau beobachten und neue Lösungen finden. Die Auswüchse im Sport sind ja klar sichtbar. Um diese Auswüchse nicht nur im Sport sondern auch in der Gesellschaft einzudämmen, denn das geht alles auf Kosten der Natur. 

Viele sehen ja in der Corona-Krise genau diese Chance, dass sich der Sport verändern könnte. Selbst FIFA-Präsident Gianni Infantino hat gesagt, dass “wir vielleicht den Fußball reformieren können, indem wir einen Schritt zurück machen”. Macht Corona uns den Sport wieder demütiger?

Corona macht uns sicher nachdenklich. Es hängt jetzt von den Menschen ab, inwieweit sie hier kreative Lösungen finden. Menschliches Handeln ist durch Werte, wie eben Gesundheit, Demokratie und Fairness geleitet. Auch hier übernimmt der Sport eine ganz wichtige Rolle, dass man nämlich den Sport wieder dorthin führt, wo er herkommt. Wo Sport auch die Grundlage für die Gesellschaft liefert, nämlich das Fairness-Prinzip. Das kommt aus dem Sport und ist in die Gesellschaft übergegangen. Das Fairness-Prinzip müsse man mehr in den Vordergrund rücken. Fairness bedeutet Chancengleichheit, Achtung des Gegners und Einhaltung der Regeln. Wenn man sich an diese Prinzipien des Sports hält und diese Prinzipien sondern auch im Alltag lebt, dann könnte man ein vernünftiges Verhalten im Sport und in der Gesellschaft implementieren. Wenn dieses Fairness-Prinzip, das Leitmotiv für den Sport und für menschliches Handeln darstellt, dann ergibt sich von selbst eine humane Form des Zusammenlebens und eine humane Sportform.

Und glauben Sie, dass es durch Corona dann wirklich zu einer faireren Gesellschaft kommen könnte?

Das könnte durchaus sein. Wir leben ja ständig in einem Wandel. Täglich in jeder Kommunikation werden neue Werte gebildet. Durch diese Kommunikation und auch durch diese Auseinandersetzung mit der Corona-Krise gewinnt der Mensch neue Ansichten. Dass eben Fairness als Wert, Demokratie, Gesundheit oder Natur, wieder wirkliche Werte sind, die menschliches Handeln beeinflussen und nicht nur die Steigerung des Profits. Unsere Werte sind daher zu hinterfragen, ob das noch die richtigen sind und das gilt natürlich auch für den Sport. Und ein sehr positiver Wert wäre hier die Fairness. Auf dieser Basis könnte man einen Neustart beginnen, den Sport auf eine neue Ebene stellen und einen humanen Sport bzw. eine humane Gesellschaft anstreben.

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