Wolfgang Bartosch ist ehrenamtlich Präsident des steirischen Fußballverbandes bzw. Vizepräsident des ÖFB und hauptberuflich Direktor der Arbeiterkammer in Graz. Mit uns spricht er über seine Anfänge im Funktionärswesen, gibt Einblicke in den steirischen Umgang mit Corona sowie in den Frauenfußball und verrät, warum er sich im Jahr 2017 vehement für Willi Ruttensteiner einsetzte.


12terMann.at: In der Vorbereitung auf dieses Interview haben wir uns natürlich mit Ihnen als Person bereits etwas beschäftigt. Auffällig ist da vor allem, dass Sie in einer Doppelfunktion agieren – zum einen als Verbandvorstand bzw. ÖFB-Vize-Präsident zum anderen als Direktor der Arbeiterkammer. Könnten Sie uns kurz erläutern, wie Sie zum Verband und zum ÖFB gekommen sind?

Da steckt natürlich die Leidenschaft zum Fußball dahinter. So habe ich selbst, bis zu meinem 19. Lebensjahr beim GAK, Fußball gespielt und war kurz davor, von der damaligen U21 in die Kampfmannschaft aufzusteigen. Dann kam jedoch die Matura dazwischen, wodurch der Schritt nicht machbar war. Zusätzlich erkannten meine Eltern, dass ein Durchbruch im Profifußball für mich wohl nur schwer erreichbar gewesen wäre.

Später stieg ich, als Funktionär wieder in den Fußballsport ein – war für den ASV Gösting tätig. Der Verein war anno dazumal auf der Suche nach einer Person, die den Verein übernehmen wollte, sonst wäre der Verein Bankrott gegangen und der Platz hätte einer Wohnsiedlung weichen müssen. Ich habe mich dann, rückblickend völlig naiv, darauf eingelassen und musste einen Verein, der von der Hand in den Mund lebte, am Leben erhalten. Zudem kam, dass der Verein mit Nicht-Österreichern gespickt war, was zu enormen Anfeindungen durch die Nachbarschaft führte. So etwas habe ich noch nie erlebt! Für mich blieb allerdings vielmehr hängen, dass der Fußballsport eine enorm wichtige Rolle für eine Gemeinschaft spielt, denn, egal, ob da jetzt ein Türke oder Bosnier am Platz stand, alle wollten als Team gewinnen. Das war eine wunderschöne Erfahrung und dies hat mir dann den Sinn geben, dass ich als Funktionär dem Fußballsport treu geblieben bin.

Wenn Sie das so erzählen, dann klingt das nach einem richtig stressigen Job.

Das ist richtig, ja. Ich war damals für elf Jahre für wirklich alles verantwortlich, von der Beschaffung des Toilettenpapiers über die Organisation eines Fachmanns, wenn das Dach der Kabine Feuchtigkeit durchließ, bis hin zur Zusammenstellung des Kaders der Kampfmannschaft und des Trainerteams.

Durch Zufall kam ich dann mit dem steirischen Fußballverband in Verbindung, insbesondere mit Gerhard Kapl. Der ASKÖ war 2005 auf der Suche nach einem Schriftführer im Präsidium und ich habe mich dann, auch auf Bitten von Franz Voves, dazu bereit erklärt. Nach Ausscheiden des damaligen Vizepräsidenten Pösinger wurde ich 2007 als sein Nachfolger nominiert, womit meine Lebensplanung eigentlich vollendet war. Präsident Gerhard Kapl verstarb dann leider im Jahr 2011, bereits zuvor musste ich Tätigkeiten von ihm übernehmen. Nach dem Tod von Gerhard Kapl trat man von Seiten des Verbandes mit der Bitte an mich heran, den Job zu übernehmen und ich akzeptierte die Anfrage. Mittlerweile fühle ich mich in der Funktion als Verbandspräsident sehr wohl, es ist ein interessanter Job und so habe in diesem Jahr mein zehnjähriges Jubiläum. Eine Sache ist mir sehr wichtig zu erwähnen – bei allen Funktionen, die ich innehatte, war ich ehrenamtlich tätig. Natürlich gibt es auch hauptberuflich tätige Personen, wie Direktor Thomas Nußgruber, ohne den die meisten Dinge nicht zu schaffen wären.

Der Job als Präsident fordert sehr viele Opfer und Freizeitinvestition, denn fast alle Spiele finden am Wochenende statt, zahlreiche Ehrungen etc. sind abzuhalten, Präsenz muss gezeigt werden.

Bei etwa 330 Vereinen in der Steiermark fällt da viel an. Wichtig ist hier eine Familie, die die Umstände akzeptiert und mit der Situation leben kann.

Aber das gilt bei weitem nicht nur für mich – alle Amateurvereine sind auf die ehrenamtliche Hilfe von zahlreichen Personen anwesend, sonst könnten die Vereine nicht überleben. Da steckt wahnsinnig viel Herzblut dahinter und ich bin enorm dankbar, dass es so viel „Verrückte“ gibt, die sich in solchem Ausmaß engagieren.

Kommen wir zum Sportlichen. Am 19. Februar wandte sich der ÖFB, auch mit ihrer Unterschrift, in einem offenen Brief an die Bundesregierung, um Lockerungen für den Sport zu verkünden – wie sehen Sie diese Zeilen mit zwei Monaten Abstand, seither sind die Infektionszahlen wieder in die Höhe geschossen.

Das würde ich differenziert sehen. Die Situation hat sich im Osten drastisch ins Negative entwickelt, in Restösterreich ist das aus meiner Sicht nicht der Fall. Die Situation ist jedoch so, wie sie ist, dies gilt es so zu akzeptieren. Meine Kritik geht allerdings in die Richtung, dass man für den Nachwuchsfußball zu spät geöffnet hat, da hätte man aus unserer Sicht früher agieren können. Dieser Punkt wurde auch in besagtem Brief aufgezählt. Ich hoffe, dass die nächsten Öffnungsschritte bald getätigt werden und im Speziellen die Kinder endlich wieder Fußball spielen dürfen. Die aktuelle Lösung ist nicht Fisch nicht Fleisch, Fußball ist ein Kontaktsport, da kann ich nicht auf Dauer auf Distancing trainieren. Aktuell gibt es einen Wildwuchs auf öffentlichen Plätzen, an Wochenenden sind diese voll. Aus meiner Sicht wäre es besser, wenn hier die Vereine die Kontrolle über das Geschehen hätten, denn die können einen reibungslosen Ablauf – inklusive Testungen etc. – garantieren.

Wie sieht es denn allgemein im Nachwuchsbereich aus, ist das Trainingsgeschehen wieder gut angelaufen?

Die Rückmeldungen sind geteilter Meinung. Die einen sagen, die aktuelle Lösung ist kompletter Blödsinn, da kein Fußball. Viele andere Vereine versuchen, die Vorgaben umzusetzen. Allerdings sieht man bereits jetzt erste Auswirkungen der Pandemie. Im Zeitraum von 2019 bis 2020 gab es bei den steirischen Nachwuchsmannschaften einen Rückgang an Neuanmeldungen von Spielern und Spielerinnen um mehr als 27%. Die Zahl ist schon ein echter Gradmesser und alarmierend. Das wird sicher negative Langzeitfolgen haben und ich schätze, dass wir dadurch mehrere Nachwuchsmannschaften verlieren werden. Aktuell gibt es in der Steiermark etwa 1100 Nachwuchsmannschaften, wir schätzen jedoch, dass wir ob der Auswirkungen die 1000er-Marke zukünftig unterschreiten werden.

Uns als Fußballsport trifft es, da wir im Endeffekt ein Magnet sind, allerdings eher noch vergleichsweise gering, da werden andere Sportarten schlimmer betroffen sein.

Als ÖFB müssen wir dennoch diesbezüglich den Druck auf die Politik erhöhen.

Für die Fortsetzung des Amateurfußballs wurde in der Steiermark der 17. Mai zum Stichtag auserkoren – sollte die Saison tatsächlich abgebrochen werden, was heißt das für die Vereine, können alle überleben?

Viele Vereine spüren gerade, dass sich viele Sponsoren zurückziehen oder ihre finanziellen Zuschüsse reduzieren, was nachhaltige Auswirkungen hat. Durch finanzielle Unterstützung der Gemeinden und beispielsweise des NPO-Fonds, halten sich im Moment zahlreiche Klubs noch über Wasser. Auch wir als Verband haben finanziell unter die Arme gegriffen, in den Dimensionen, die für uns machbar sind. Somit ist ein Vereinssterben momentan verhindert, denn fairerweise muss auch gesagt werden, dass sich die Klubs die Spielbetriebskosten derzeit sparen.

Vielen Vereinen sind allerdings finanzielle Einnahmen im Speziellen durch den Ausfall von großen Events weggefallen. Weihnachtsfeiern, Faschingsbälle etc. mussten bekanntlich alle abgesagt werden und den dadurch entstandenen Schaden kann kein Fond ausgleichen. Hinzu kommen Einnahmenverluste durch nicht vorhandene Losverkäufe im Rahmen von Spielen, Ticketverkauf und Kantinenbetrieb.

Ein erfreulicheres Thema ist auf jeden Fall, dass mit dem GAK nun ein weiterer steirischer Traditionsverein auf ein Frauen-Team setzt. Wie sehen Sie allgemein die Entwicklung in diesem Bereich – wo gibt es noch Aufholbedarf und welchen Wert tragen Frauen-Mannschaften zum Fußball bei?

Der Frauenfußball spielt in Zukunft eine große Rolle, da wir möglichst viele Menschen zum Fußballsport bringen wollen. Da besteht insbesondere beim Frauenfußball ein sehr großes Potential. Auch wir beim steirischen Verband sehen darin einen Schwerpunkt, konnten vor Kurzem Elisabeth Tieber als Frauenverantwortliche für uns gewinnen. Mit dem SK Sturm Graz gibt es mittlerweile gemeinsam mit dem Verband eine eigene Akademie, das Team spielt in der sogenannten Future League mit und liefert dort gute Leistungen. Wir wollen allerdings, dass dort nicht nur Sturm-Spielerinnen aktiv sein können, sondern auch die Teilnahme für Spielerinnen anderer Vereine forciert wird.

Sehr wichtig ist aus meiner Sicht auch, dass der GAK im Frauenfußball einen Schwerpunkt sieht. Da es noch nicht so viele Ligen gibt, könnte es somit sein, dass auch dieses Team bald relativ weit oben spielt. Die Rolle von Sturm und dem GAK ist wirklich wesentlich, da solche Magnete dringend benötigt werden.

Leider fehlt uns nach wie vor die Breite – wir kämpfen mit starken Fluktuationen. Ein Beispiel: Spielt ein Mädchen in einer Schule Fußball, dann begeistert diese weitere Schulkolleginnen und bringt sie mit zu einem Verein. Hört dann aber ein Mädchen mit dem Fußballsport auf, dann verlieren wir sehr oft auch jene Spielerinnen, die durch das eine Mädchen erst zum Verein gekommen sind.

Auch fehlt die Möglichkeit einer reinen Mädchenmeisterschaft – die gibt es in Österreich nur in Niederösterreich. Bis zum 14. Lebensjahr spielen die Mädchen somit in der Steiermark bei den Burschen mit und danach ist für die Mädchen ein Loch vorhanden, denn es gibt eigentlich nur mehr die Kampfmannschaft. Das ist für einzelne Spielerinnen aus physischer Hinsicht ein Wahnsinn.

Während Frauen-Teams mehr werden, sind die Landesverbände noch immer rein in männlicher Hand. Wäre es hier nicht an der Zeit, eine Frau in diese Runde aufzunehmen?

Auf jeden Fall und da wird sich in den nächsten Jahren sicher einiges tun. Leider muss gesagt werden, dass auch bei den Funktionären die Frauen deutlich in der Unterzahl sind. Bei uns in der Steiermark tut sich da Gott sei Dank einiges, so hat beispielsweise Elisabeth Tieber weitere Damen zum Verband gebracht. Gemeinsam mit Kärnten organisieren wir überdies aktuell einen Trainerinnenkurs, auch liegt ein Fokus auf Schiedsrichterinnen.

Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch die Schulen, hier gilt es anzusetzen. So gibt es beispielsweise für die Volksschulen und Unterstufen den Ballarina-Bewerb und die UNIQA Mädchenfußballliga existiert ab der Oberstufe.

Denkt man an das A-Nationalteam und die Steiermark, dann kommt einem als erster ein waschechter Steirer mit Mainzer Akzent in den Sinn. Wie ist Ihre Verbindung zu Franco Foda als Teamchef bzw. war Ihre Verbindung zu ihm, als er noch Sturmtrainer war?

Franco Foda ist ein ausgezeichneter Trainer und ich war begeistert, als er zur Wahl gestanden ist. Es ist dann auch einstimmig zum Nationaltrainer gewählt worden, hat sich somit in der letzten Runde souverän gegen Andreas Herzog und Thorsten Fink durchgesetzt.

Ich bin überzeugt, dass Foda eine hohe Qualität hat, doch Fußball ist ergebnisabhängig – wenn verloren wird, wissen viele gleich immer alles besser. Jetzt sollte vor der Europameisterschaft allerdings Ruhe einkehren und der Fokus voll auf die Endrunde gesetzt werden. Warten wir mal ab, wie die Europameisterschaft läuft und dann reden wir weiter. Eine Trainerdiskussion zum jetzigen Zeitpunkt halte ich für völlig unangebracht.

Dass Foda da und dort mal einen Fehler gemacht hat, das ist auch klar, doch die Diskussion darüber ist müßig. Mit Kritik kann Foda allerdings aus meiner Sicht umgehen.

War Franco Foda auch 2017 für Sie die beste Wahl?

Ja, für mich war das damals eindeutig.

Sie sind seit 2011 in Amt und Würden – wenn der österreichische Fußballfan an dieses Jahr denkt, wird er vermutlich auch an die Bestellung von Marcel Koller denken. Wie sieht Ihr Vergleich zwischen sechs Jahre Koller und vier Jahre Foda aus?

Bei der Einstellung von Marcel Koller war ich selbst, wie Sie sagen, erst neu dabei. Ich kann mich vielmehr eher an die Verlängerung erinnern. In beiden Fällen habe ich damals für Koller gestimmt. Menschlich war Marcel Koller sehr in Ordnung, am Ende haben dann leider die Ergebnisse nicht mehr gepasst, wodurch es zur Trennung kam.

Spielerisch war der Fußball unter Marcel Koller ganz nett anzuschauen. Vergleicht man den Punkteschnitt des aktuellen Teamchefs und seines Vorgängers in Bezug auf die Bewerbsspiele, so kommen die beiden auf den beinahe identen Punkteschnitt. Warten wir mal ab, wie die Europameisterschaft läuft.

Man darf jetzt nicht nur das 0:4 gegen Dänemark betrachten, auch wenn die Spiele zuvor nicht immer überzeugend waren. Wichtig ist der Fokus auf die EM, dass wir eine erfolgreiche Nationalmannschaft haben und auch die Vereine international aufzeigen. Denn nichts ist so sexy und anziehend wie der Erfolg.

Gab es nach der 0:4-Klatsche innerhalb des ÖFB-Präsidiums Personen, die Foda in Frage stellten?

Nein, soweit es mir bekannt ist, gab es diesbezüglich keine Meldungen.

Nachdem der ÖFB sich von Marcel Koller getrennt hat, wurde mit der Bestellung von Franco Foda argumentiert, dass das Nationalteam zukünftig taktisch flexibler auftreten solle. Ist das aus Ihrer Sicht tatsächlich gelungen, sehen Sie hier eine Entwicklung vollzogen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich will jetzt nicht den Anspruch erheben, dass ich mich sportlich über Franco Foda stelle. Dazu gibt es Peter Schöttel, auf den ich mich diesbezüglich, sozusagen, verlassen muss. Im Endeffekt fehlt mir für eine fundierte Meinung auch die Nähe zur Mannschaft, wir als Präsidenten sind da ja nicht direkt dabei, haben keinen Einblick, wie die Stimmung etc. in der Mannschaft ist. Entsprechend gefährlich ist es, wenn man sich in diesem Bezug besserwisserisch gibt.

Ein anderes Thema mit Bezug zum Nationalteam, in dem Sie mittendrin statt nur dabei waren, war die Frage Ruttensteiner. Sie haben 2017 für den Verbleib Ruttensteiners als Sportchef gestimmt und sich gegen Schöttel entschieden. Die Wahl damals hat für ziemlich aufgeheizte Stimmung im ÖFB gesorgt und war polarisierend. Können Sie uns erzählen, was einst Ihre Beweggründe waren und wie Sie diese Entscheidung heute sehen?

Zur Abstimmung damals möchte ich eigentlich nicht mehr viele Worte verlieren, das würde alte Wunden wieder aufreißen. Ich bin kein Anti-Schöttel-Mann, doch war ich damals eindeutig davon überzeugt, dass Ruttensteiner gute Arbeit geleistet hat, auch wenn wir manchmal mit seiner Lehrerhaftigkeit Probleme hatten. Er hatte allerdings ständig Konzepte, zeigte permanent neue Wege auf und kreierte Ideen. Der Stufenbau, anfangen von LAZ etc. war seine Idee, das hat schon etwas für sich gehabt. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass er sehr gute Arbeit geleistet hat.

Doch leider hat es interne Vorgänge im ÖFB gegeben, die nicht auf sportlich fachlicher Ebene basierten, sondern auf der persönlichen Ebene anzusiedeln waren. Das hat mir damals überhaupt nicht gefallen und aus diesem Grund habe ich damals mehr als deutlich für Ruttensteiner votiert. Die Mehrheit war allerdings eine andere Meinung (Anm. d. Red. Die Abstimmung entschied Schöttel mit 8:5 für sich).

Haben sich die Wogen mittlerweile wieder geglättet?

Über die Frage Ruttensteiner ist mittlerweile Gras gewachsen, aber dass der ÖFB intern nicht ganz einfach ist, das bleibt. Es sind sehr viele Alphatiere am Werk doch jede Meinung hat etwas für sich. Es gibt immer diverse Gründe, warum jemand eine gewisse Meinung vertritt, aber es ist und bleibt kein einfaches Gremium.

Freie Meinung schön und gut, es sollte halt nicht unter die Gürtellinie gehen.

Genau, auf sportlicher Ebene und sachlicher kann man immer diskutieren. Sobald es jedoch persönlich wird, geht es zu weit. Das ist ein Prinzip, das ich immer verfolgt habe und weiterhin verfolgen werde.

Entscheidungen im ÖFB werden, wie vieles in Österreich, vom Föderalismus bestimmt. Es gibt 13 Stimmen, darunter neun von den Landesvertretern – ist dieses föderale Konstrukt tatsächlich die beste Organisation, um den österreichischen Fußball weiterzubringen?

Ich halte das Präsidium schon für ein gutes Gremium, da dort alle Bundesländer vertreten sind und es sich ja bei den Wahlen immer um eine demokratische Mehrheitsfindung handelt. Auch die Landesverbandpräsidenten werden gewählt und ihre Entscheidungen sind daher demokratisch legitimiert. Es sind alle Bundesländer stimmberechtigt, dazu kommt noch die Bundesliga, die ein Veto-Recht besitzt, in jenen Belangen, wo sie betroffen ist.

Es gibt natürlich andere Bereiche, in denen man den Föderalismus hinterfragen kann – wie beispielsweise die Tatsache, dass jedes Bundesland hinsichtlich des Amateurfußballs eine eigene Regelung hat. Da bin ich eher skeptisch und Zentralist.

Föderalismus ist aus meiner Sicht ein Wechselspiel. Drüberfahren über alles ist aus meiner Sicht nicht gewinnbringend, aber auch reinen Föderalismus, dass Bundeländer Dinge blockieren, halte ich für einen Fehler.

Wie sieht denn Ihre Erwartungshaltung für die Europameisterschaft aus – wie weit geht es für das österreichische Nationalteam?

Die Gruppe ist nicht so leicht, ich erwarte mir aber dennoch, dass wir besser abschneiden als im Jahr 2016. Im Speziellen im spielerischen Bereich muss gegenüber der EM in Frankreich eine deutliche Steigerung sichtbar werden. Vielleicht schaffen wir es erstmals, dass wir bei einer Endrunde in Höchstform auflaufen können.

Ein Thema, das auch immer wieder in den Medien kursiert, ist das Thema des Nationalstadions. Können Sie uns diesbezüglich etwas verraten?

Derzeit gibt es eine Arbeitsgruppe dazu, man ist in einer Entscheidungsfindung. Das Happel-Stadion wird aber mit Sicherheit das Nationalstadion bleiben. Jedoch gibt es Überlegungen, in Aspern das Trainingszentrum mitsamt dem ÖFB-Geschäftssitz zu bauen. Das Trainingszentrum böte Kunstrasenplätze, Hallenplätze und ein Hauptspielfeld mit einer Tribüne für etwa 1000 Zuschauer. Die Fördermittel dazu wären bereits zugesagt. Mir würde die Lösung zusagen, wenn alle offenen Details geklärt sind, dann sollte der Bau aus meiner Sicht durchgeführt werden. Es gibt zwar noch die ein oder andere Stimme, die meint, dass die Baukosten von ungefähr 50 Millionen Euro netto zu hoch wären, doch man ist in Gesprächen.

Abschließende Frage, Sie machen seit zehn Jahren diesen Job. Wie würden sie diese Zeit Revue passieren lassen und was haben Sie in dieser Position noch alles vor?

Es war rückblickend und ist noch immer eine sehr spannende Erfahrung, auch wenn die Pandemie jetzt natürlich ein großer Rückschlag ist. Viele Dinge wurden umgesetzt, von den Akademien über die Einführung einer Relegation in der Meisterschaft.

Zukünftig wird der Frauenfußball mehr ins Zentrum rutschen und einen Schwerpunkt darstellen. Auch muss es uns gelingen, einen ständigen Verbesserungsprozess zu gewährleisten und immer offen für neue Ideen zu sein.

Eine große Herausforderung wird zukünftig auch die Ganztagsschule darstellen, hier müssen wir unbedingt eine vernünftige Herangehensweise bzw. Kooperationsmöglichkeit finden. Das Zusammenspiel von Ganztagsschulen und Vereinssport ist ein komplexes Thema, da die Schulen den Part des Sports teilweise übernehmen müssten. Denn welches Kind hat nach einem Schultag, der bis 16:00 dauert, noch Lust und Zeit für Vereinssport.

Die wohl größte Challenge ist jedoch, dass wir für die Jugend auch zukünftig attraktiv bleiben, weil sonst werden uns die Kinder und Jugendlichen den Rücken zukehren und dann geht uns die Breite verloren. Und wie sagt man so schön: Ohne Breite keine Spitze!

Herr Bartosch, vielen lieben Dank für das Gespräch!

Sehr gerne.

 

Das Interview führten Tobias Kurakin und Christian Semmelrock