Die Zeit so heißt es, würde alle Wunden heilen. Noch ist dieser Punkt auf der Uhr oder im Kalender nicht gekommen – die Niederlage gegen Italien schmerzt, ob der herausragenden Leistung der österreichischen Nationalmannschaft. Die unglückliche Niederlage hat einige Gründe – die heimischen Fußballfans bemühen bei ihren Einschätzungen dabei den Konjunktiv in seiner reinsten Form – eine vergebene Liebesmüh.

Foto-Credits: Robert Lösch


Es muss als Schlüsselszene der Partie gesehen werden. David Alaba köpfelte Richtung zweiten Pfosten, wo Marko Arnautovic mit der Oberstübchen zur Stelle ist und via Lattenpendler die italienische Torsperre beendet. Kurzzeitig herrschte in Fußball Österreich Anarchie und der Jubelschrei mancher hallt noch immer nach. Wenig später begannen die ersten Relativierungsversuche und selbst hartgesottene VAR-Anhänger wurde plötzlich zu seinem schärfsten Kritiker. Es war nicht mehr als eine Schuhgröße, die den China-Legionär in der verbotenen Zone stehen ließ – der Abseitspfiff war schmerzlich korrekt.

Schmerzlich korrekt war auch das Defensiv-Verhalten der österreichischen Hintermannschaft. Aleksandar Dragovic und Martin Hinteregger lieferten wohl die beste Partie ihrer Team-Karriere ab. Kompromisslos, souverän, aber fair agierte das Innenverteidigung-Duo und ließ Italien bis weit in die Verlängerung verzweifeln. Dass die Italiener siegreich von Dannen zogen, ist dennoch einem Fehler im Positionsspiel geschuldet. David Alaba, der während der Europameisterschaft zum absoluten Führungsspieler reifte, war im entscheidenden Moment nicht auf seinem Posten. Wie schon gegen die Ukraine fehlten bei den Offensiv-Ausflügen des Neo-Madrilenen die nötigen Kilometer in der Rückwärtsbewegung. Frederico Chiesa nahm die Unachtsamkeit allzu gerne an und nutzte die erste brandgefährliche Torchance der Partie zur 1:0-Führung.  

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Zuvor hatten die Österreicher bereits ihren unbändigen Kampfgeist unterstrichen und ließen sich auch vom Verlusttreffer nicht die Schneid abkaufen. Das dreier-Mittelfeld aus Florian Grillitsch, Xaver Schlager und Konrad Laimer versuchten auch gegen bissige Italiener früh zu attackieren und schnell umzuschalten. Fehler im Passspiel waren dabei der qualitativen Übermacht des Gegners geschuldet. Im Spiel ohne den Ball wusste Österreich die Raumdeckung nahezu perfekt anzuwenden – kein Wunder, dass der erste Puls-steigende Moment der Partie von Ciro Immobile aus der Distanz ausging, ausnahmsweise war der Konjunktiv dabei auf unserer Seite – aber zurück zur entscheidenden Phase.

Trotz Gegentores verlor die ÖFB-Elf nicht die Fassung und blieb im Spiel, umso bitterer waren die Vorkommnisse nach 105 Minuten. Erstmals herrschte im österreichischen Strafraum mehr Unordnung als erlaubt und Italien erhöhte auf 2:0. Pessinas Schuss schlug hinter dem glänzend-agierenden Daniel Bachmann ein, bei dem keine Schuld zu suchen war, als bei Hinteregger und Dragovic erstmals Uneinigkeit über die Manndeckung herrschte.

 

Der zweite Nackenschlag in der Verlängerung ließ die österreichische Mannschaft aber auch nicht endgültig zu Boden gehen. Die Frische und das Momentum, welche im Besitz der Italiener waren, gerierten nochmal gehörig ins Wanken als Franco Foda personelle Veränderungen vornahm. Der Deutsche, der sich nicht nur durch dieses Spiel endlich mehr Sympathien verdiente, warf mit Louis Schaub, Michael Gregoritsch und Sasa Kalajdzic gleich drei offensive Störenfriede aufs Feld. Ersterer prüfte Gianluigi Donnarruma bereits mit seiner ersten Ballberührung, Zweiterer versuchte sich als Ballverteiler im Sturmzentrum und Letzterer setzte alles daran, dass heute in Österreich keiner von hätte, wäre, wenn und aber spricht. Sein Flugkopfball in Bedrängnis ins kurze Eck 20 Zentimeter über dem Boden verdient weitaus mehr Anerkennung– die Zeit für großen Jubel war aber nicht mehr gegeben. Die Italiener nahmen die fehlenden sieben Minuten gut von der Uhr und zogen siegreich aus dem Wembley.

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Für die österreichischen Kicker geht’s nach Hause – mit viel Stolz, einer weiteren Erfahrung und hoffentlich ohne Konjunktiv im Gepäck. Der heimische Fan muss auf dieses Team stolz sein und muss sich nicht mit dem allzu österreichischen „darf“ beschäftigen. Auf die Anwendung der Möglichkeitsform sollte dann wieder zurückgegriffen werden, wenn der Stolz nachlässt – bis dahin hat die Zeit diese Wunde wohl schon geheilt.