Die Fußball-Europameisterschaft in elf Ländern beginnt. Als wär das nicht ungewöhnlich genug, dämpft auch noch eine Pandemie die Vorfreude. Leidtragender sind die Fans, die seit März 2020 den Fußball nicht so genießen können, wie sie ihn lieben. Wir haben mit dem Präsident der Hurricanes Österreich und zugleich auch dem Vorsänger in der Kurve des Nationalteams, Bernhard Wastyn, gesprochen. Ein interessantes Interview über den Support bei der EM, die Fankurve nach Corona und den Teamchef Franco Foda. 


12terMann.at: Wie ist bei euch die Vorfreude aufs Turnier? Bei uns ist es Zwiegespalten. Wir freuen uns auf die EM, aber es fühlt sich nicht so an wie immer… 

Bernhard Wastyn: Wir waren 2016 bei der EM dabei, dort war die Vorfreude schon deutlich größer. Das hatte mehrere Gründe: Wir konnten im Vorfeld bei den Testspielen dabei sein, Stimmung machen, Choreographien vorbereiten und der Mannschaft das Gefühl mitgeben, dass es bald um etwas Großes gehen wird. Das hatten wir heuer nicht – bei den Testspielen, auch davor in der WM-Qualifikation und in der Nations League waren wir nicht dabei. Dadurch rückt man eigentlich in die Distanz, sodass das auch fremder wird, was eh Selbstverständlich ist. Das drückt die Vorfreude, dass man nicht mehr die Nähe zum Team hat. Da muss glaube ich erst der Bewerb starten, damit schön langsam die Euphorie entfacht wird und Stimmung ins Land kehrt. 

Seid ihr als Fanclub dabei heuer? 

Nein, offiziell nicht. Wir lassen als Fanclub aus. Es gibt eine handvoll Mitglieder, die schon bei dem einen oder anderen Spiel vor Ort sein werden, aber nicht als Fanclub. Es wird nicht unser Transparent hängen, wir werden auch keinen Support mit Trommeln, Fahnen und Choreographien navigieren wie man es 2016 gewohnt war. Aus unserer Sicht machen die derzeitigen Maßnahmen – die Zuschauerbeschränkungen, Abstände, eventuell das Tragen einer Maske, einen Support unmöglich. 

Also es liegt nur an den Corona-Maßnahmen.

Genau, es hat nichts mit der Mannschaft zu tun. Es ist nichts gegen die Mannschaft, nichts gegen die Spieler, nichts gegen Trainer und nichts gegen die Leistung. Wir sind aus den letzten Jahren einen anständigen Support gewohnt, dafür stehen wir auch und wenn das nicht möglich ist, möchten wir es sein lassen. Wenn wir das machen, dann wollen wir es schon gscheit machen.

Wenn also wieder normaler Support möglich ist, dann seid ihr zurück?

Das war eigentlich unser Gedanke. Sobald es möglich ist, werden wir mit allen möglichen Facetten – Trommeln, Megaphon, Fahnen, Choreographien – in der Kurve präsent sein. Man wird wahrscheinlich einen Neustart machen müssen, weil 1,5 Jahre kein Spiel vor Ort war. Man wird wahrscheinlich ein anderes Publikum antreffen und muss die Kurve schön langsam neu aufbauen. Das ist ein harter Weg und langwieriger Prozess. Wir werden uns den Status quo – wenn alles wieder normal ist – anschauen. Dann sehen wir, ob es einen Sinn macht oder ob durch die Pause alles kaputt gegangen ist.

Aber aus der Übung seid ihr nicht was die Fangesänge angeht? 

Das nicht. Das einzige was schon ist, sind Personaländerungen. Also, dass Mitglieder im Laufe der Zeit andere Interessen bekommen haben. Manche sind vielleicht mit dem Studium fertig und durch die Arbeit nicht mehr flexibel oder haben ein Kind bekommen und haben familiäre Verpflichtungen. Ich kann mir schon vorstellen, dass wir da Mitglieder verlieren werden oder sie durch verlagerte Interessen nicht mehr so präsent sein werden. Das muss man sich auch dann anschauen: Mit vielen Leuten sind wir vertreten? Kann man das noch wie aus der Vergangenheit umsetzen oder ist man zu schwach besetzt? Und wenn man zu schwach besetzt ist, kann man neue Mitglieder für einen Neustart erwerben?

Ca. 2.000 Fans sind am Sonntag in Bukarest gegen Nordmazedonien dabei. Habt ihr als Fanclub da einen Appell an die Zuschauer bei den Österreich-Spielen vor Ort, nach dem es keinen organisierten Support geben wird?

Ich als Vorsänger bin nicht vor Ort, muss aber denjenigen die vor Ort sind ein Lob aussprechen. Sie nehmen extreme Strapazen und Unsicherheiten in Kauf, bis vor wenigen Tagen war es unsicher, ob man überhaupt bei einem Spiel vor Ort sein kann. Das erfordert Respekt. Wenn man die Mühen und die Strapazen auf sich nimmt, gehe ich mal stark davon aus, dass die die Mannschaft unterstützen werden. Ich gehe davon aus, dass die Stimmung gut sein wird. Natürlich ist es ohne organisierten Support – so wie wir es mit Megaphon und Trommeln gemacht haben – schwer eine konstante Stimmung hervorzurufen. Die Klassiker wie “Immer wieder Österreich” oder “Wir singen rot, wir singen weiß, wir singen rot-weiß Österreich” werden schon durch das Stadion hallen. Nicht 90 Minuten lang, aber wenn die Mannschaft zB am Drücken ist, dann wird was von den Rängen kommen. Und das ist das, was die Mannschaft braucht. Sie braucht in schwierigen Zeiten den Rückhalt von den Österreicherinnen und Österreichern. Damit sie dieses wichtige Spiel gewinnt, damit Ruhe und Gelassenheit einkehrt, weil der Druck nicht mehr da ist.

Wie schätzt ihr als Fanclub die sportliche Situation ein?

Wir haben eine tolle Generation mit Legionären aus Deutschland am Start. Ich glaube, wir haben einen Kader, den wir so noch nie bei einem Großereignis hatten und können aus dem Vollen schöpfen. Da muss, unter dem Aspekt der zugelosten Gruppe, der Anspruch da sein, die Gruppenphase zu überstehen – vor allem, weil auch die besten Gruppendritten weiterkommen. Ich glaube sehrwohl, dass die Mannschaft Potential hat. Wenn man wieder die Gruppe nicht schaffen würde, dann verspielt man sich viel bei den Fans. Das wäre also auch für die Mannschaft sehr wichtig, dass sie die Gruppe übersteht, wenn es um das Image der Nationalmannschaft geht.

Aber ab wann ist diese EM eine gute EM? Wenn man nur mit einem knappen Sieg gegen Nordmazedonien – das könnte ja reichen – das Achtelfinale erreicht und sonst nicht überzeugt, dann hat man zwar das Ziel erreicht, aber nicht wirklich groß aufgespielt.

Ja das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Es steht und fällt alles mit der Spielweise. Wenn man sich da jetzt durchwurschtelt, dann wird man sagen: “Das war jetzt nicht berauschend, es war eine leichte Gruppe, da hast gewinnen müssen.” Wenn man beherzt spielt und unglücklich im Achtelfinale ausscheidet, dann kann man von einer erfolgreichen Europameisterschaft sprechen. Die Mannschaft muss sich einfach gut präsentieren und zeigen sie will – dann kann sie sich wieder in die Herzen der Fußball-Fans spielen.

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Es gibt aber viel Kritik an Teamchef Franco Foda. Ist diese Kritik – vor allem so kurz vor der EURO – berechtigt?

Vor einer EURO ist eine Teamchef-Frage immer unnötig. Der Verband wird jetzt keinen Wechsel vornehmen, das bringt nur Unruhe rein. Man bereitet sich ein, zwei Jahre auf einen Bewerb mit einem Teamchef vor. Er testet das Ganze und bekommt jetzt seine Chance. Es ist aber schon richtig, dass die vergangen Spiele gezeigt haben, dass die Spielweise nicht attraktiv war und deswegen viel Unzufriedenheit unter den Österreichern herrscht. Der Erfolg spricht für ihn – aber er hatte wenig Chancen sich gegen große Nationen zu bewähren. Wenn es einmal gegen Stärkere gegangen ist, dann hat das Team meistens das Nachsehen gehabt. Die Bilanz muss man auch von allen Seiten betrachten. Gegen gute Teams ist die Bilanz nicht so gut, gegen Schwächere schon, das könnte auch ein anderer Teamchef haben. Wenn jetzt aber die Spielweise und auch die Ergebnisse nicht passen, dann wäre es gut frischen Wind in das Lager zu bringen und einen Teamchefwechsel anzuvisieren. Selbst wenn das Team jetzt im Achtelfinale wäre, würde ich persönlich einen Teamchef-Wechsel begrüßen. Ich bin der Meinung, dass unter Franco Foda keine Euphorie mehr entwickelt wird. Wenn man einen Neustart mit Fans im Stadion machen möchte – nachdem die Corona-Maßnahmen gefallen sind – ist es wichtig, dass man sich neu formiert und einen neuen Teamchef engagiert. Es werden sicher auch bald zwei, drei Spieler aufhören, weil sie in die Jahre gekommen sind. Da kann durch neue Strukturen und Wechsel neuer Schwung in die Mannschaft gebracht und eine Euphorie entfachen werden. 

Außer die Mannschaft überrascht uns alle bei der EURO.

Dann sind die Würfel neu gefallen, dann ändert sich alles. Wenn da die Spielweise eine andere ist, die Mannschaft ist erfolgreich und spielt sich in die Herzen der Österreicher. Dann wird keiner einen neuen Teamchef fordern. Dann soll der Teamchef die Qualifikation für Katar fertigspielen und seine Chance weiternutzen. 

Stichwort Katar. Nach dieser eh von Haus aus viel kritisierten EM in ganz Europa, die auch noch durch Corona getrübt wird. Also das Turnier ist weit weg von dem, was wir am Fußball so lieben. Dann kommt die WM in Katar. Kann man sich aus Fanclub-Sicht irgendwie auf die kommenden Spiele freuen? Da kommt ja zurzeit keine Fußball-Romantik auf.

Die UEFA und die FIFA steuern einen Weg an, der nicht gutzuheißen ist. Es geht nur mehr darum, wie man den Fußball mit mehr Spielen, mehr Bewerben und mehr Veranstaltern mehr vermarkten kann. Einfach, um mehr Geld zu machen – so kommt es mir persönlich rüber. Bei der Europameisterschaft in elf Ländern drückt das die Euphorie. Es ist wichtig, dass man ein Veranstalterland hat und weiß, dort ist gerade die Euphorie. Das kommt jetzt einfach nicht so auf. Einmal in Amsterdam, dann in Bukarest und dann im Achtelfinale in London. Das ist einfach nur mühsam und man weiß als Fan nicht wo man als nächstes spielt. Genauso Katar. Warum gebe ich die Weltmeisterschaft einem Land, das mit Fußball so gut wie gar nichts am Hut hat? Da geht es nur mehr um Geld, und nicht um das was es gehen sollte: Um den Sport, den Fußball, die Fans, die Emotionen und das Spektakel an sich. Wenn man den Weg so weiter ansteuert und das nicht zurückschraubt, dann wird man die Begeisterung im Stadion verlieren. Es ist alles schon zu teuer, zu zeitintensiv und zu umständlich. Deswegen fällt es uns auch als Fangruppe schwer alle Spiele zu verfolgen. Es werden immer mehr Spiele und immer mehr Bewerbe durch die Nations League. Es wird auch intensiver mit mittlerweile drei Länderspielen in einer Länderspielpause – das kann man als normaler, arbeitender Mensch nicht mehr bewerkstelligen. 

Wie schwer ist in so einer Situation – verschärft durch Corona und die Geisterspiele – die Motivation zu behalten?

Ganz schwierig. Deswegen ist es auch eine große Unbekannte, wie es dann um die breite Masse steht. Das werden wir erst dann sehen, wenn es so richtig losgeht. Ich höre auch von anderen Fangruppierungen, dass die Euphorie getrübt ist. Das muss sich alles von vorne entwickeln. 

Wie war in den letzten Wochen bzw. Monaten euer Kontakt zum ÖFB?

Kontakt war gar nicht vorhanden, weil es einfach auch nichts zu besprechen gab. Ich fühle mich also auch nicht im Stich gelassen. Es war für jeden klar, bei Geisterspielen kann man nicht dabei sein. Durch die Maßnahmen, konnte man sich nicht treffen. Jetzt ist durch die ersten Spiele mit Fans wieder langsam Kontakt da.

Zum Abschluss noch eine Frage – zum Nationalstadion. Da hat es ja auch während der Corona-Lockdowns immer wieder Debatten darüber gegeben, wie es mit dem Heimstadion des Nationalteams weitergeht. Ihr habt euch 2018 bei einem Länderspiel in der Generali-Arena mit einem Transparent für das Ernst-Happel-Stadion ausgesprochen. Wie steht ihr jetzt gerade – auch nach der Fußballpause – zu diesem Thema?

Wir haben die Kampagne ins Leben gerufen, weil wir zwischen 2016 und 2018 sehr oft den Standort gewechselt haben. Wir haben einmal in Innsbruck, dann in Klagenfurt und dann mal in Wien gespielt. Durch diesen Wechsel der Heimspiele hat man uns relativ viel von der Stimmung kaputt gemacht. Man braucht viele Spiele in einem Stadion, um einen Stamm heranzuzüchten, der Stimmung macht. Wird oft der Standort gewechselt, geht dieses Publikum verloren. Viele Leute sind dann oft zum ersten Mal in der Kurve und wissen nicht, dass dort jetzt Stimmung gemacht werden muss. Sie nehmen sich die Karten, weil sie in der Kurve am billigsten sind, aber wollen dort keine Stimmung machen. Da stoßen wir auf viele Konflikte und ernten viel Kritik. Das war uns ein klares Statement also wichtig – wir brauchen ein festes Heimstadion, um dort eine Stimmung und einen Heimvorteil aufzubauen. Das war für uns das Ernst-Happel-Stadion. Wenn natürlich ein neues Nationalstadion gebaut wird, dann sagen wir dazu nicht nein. Solange es dieses nicht gibt, dann ist es für uns klar, dass das Nationalteam nach Wien ins Ernst-Happel-Stadion gehört. Dort ist die Stimmung am besten und der Heimvorteil am größten. Das Perverse an der ganzen Geschichte ist – seitdem Corona ist, spielen wir die ganze Zeit im Happel-Stadion. Davor, wo wir dabei sein konnten, haben wir kaum im Happel gespielt, da fühlen wir uns schon bissl verorscht. Wir hoffen, dass, wenn wieder Zuschauer zugelassen sind, weiter im Ernst-Happel-Stadion gespielt und nicht der Standort gewechselt wird.