Auch wenn es gestern blamabel zuging, Österreichs Nationalteam qualifiziert sich also zum zweiten Mal in Folge für eine Fußball-Europameisterschaft. Ein historisches Ereignis, kann man doch erstmals überhaupt eine Qualifikation wiederholen beziehungsweise gelingt auch erst zum zweiten Mal auf sportlichem Weg eine solche. Das ist doch Grund genug zur Euphorie oder? Nur, wenn man sich die Situation nicht genauer ansieht.


Quali leichter als früher

Bei der ersten paneuropäischen EM 2020 nehmen – wie schon 2016 – 24 Länder teil. 44% aller 55  Länder, die die Qualifikation  gespielt haben, qualifizieren sich somit für das Großereignis. Zum Vergleich, bei der EM 2000 konnten sich nur 29% der an der Qualifikation teilnehmenden Länder qualifizieren, 2004 waren es 30% und 2012 27%. Nachdem die Teilnehmerzahl 2016 von 16 auf 24 erhöht wurde, sprang der Anteil der Länder auf 43% rauf. Rein statistisch wurde es bei den letzten zwei Versuchen also um einiges leichter, eine Teilnahme zu fixieren. Da sich Österreich die Qualifikation 2016 als Gruppenerster gesichert hat, hat man damals von der Aufstockung noch gar nicht profitiert. Diesmal ist das anders, als Zweiter profitiert man sehr wohl davon und muss in keine lästigen Play-off-Duelle mehr, wie es früher der Fall war. Ausgang gegen Teams wie Niederlande, Portugal, Türkei, Russland oder Dänemark ungewiss. 

Sehr gute Bilanz, aber…

Teamchef Franco Foda kann nach 22 Spielen eine sehr gute Bilanz von 14 Siegen, zwei Unentschieden und sechs Niederlagen aufweisen. Damit hat er mit 2,00 Punkten pro Spielen den besten Schnitt aller ÖFB-Teamchefs in der über hundertjährigen Geschichte des Verbandes. Das kann ihm keiner nehmen. In Pflichtspielen stehen nach 14 Spielen, acht Siege, zwei Remis und vier Niederlagen zu Buche. In diesen 14 Spielen hat man nur zweimal gegen ein in der Weltrangliste besser platziertes Team gespielt. Gegen Polen gab es in zwei Spielen kein Tor und nur einen Punkt. In der Nations League unterlag man Bosnien-Herzegowina mit einer Niederlage und einem Remis und ebenfalls ohne Tor. Bosnien hat in seiner EM-Qualigruppe übrigens weit nicht geglänzt und gegen Italien, Finnland, Griechenland, Armenien und Liechtenstein nur 13 Punkte geholt.

Die übrigen Pflichtspielgegner waren durch die Bank von der Kaderqualität deutlich unter dem ÖFB-Team anzusiedeln, wie die Matches auch gezeigt haben. Österreich holte in den zehn Spielen sieben Siege, ein Remis und zwei Niederlagen in Israel und Lettland – beide waren einem kollektivem Blackout aller Beteiligten zu verschulden. Als Betriebsunfälle sollte man die Niederlagen bei den beiden Gruppenletzten dennoch nicht abtun, zu verheerend waren die Darbietungen. Die Pflichtspielbilanz liest sich unter Franco Foda insgesamt also so, dass das Minimum an Erwartungen erfüllt wurde. Es wurde allerdings noch in keinem Spiel mehr als das erreicht, was sowieso zu erwarten war. Das wären Siege gegen Polen sowie Bosnien-Herzegowina gewesen. Auch in den Endtabellen von Nations League (trotz besserer Setzung) und EM-Quali wurde die Mindestanforderung zweiter Platz erreicht. Die Gruppenersten waren dabei jeweils aber auch nicht am Höhepunkt ihres Leistungsvermögen und wären nicht außer Reichweite gewesen. 

Vertragsverlängerung, bitte warten…

Nach dem 2:1 gegen Nordmazedonien wurde im ORF ÖFB-Präsident Leo Windtner gleich nach einer möglichen Vertragsverlängerung von Franco Foda bis nach der EM gefragt. Der Vertrag hat sich durch die erfolgreiche Quali automatisch bis zur EM verlängert. Auch die Kleine Zeitung etwa forderte eine vorzeitige Vertragsverlängerung. Dabei hat das Team unter Franco Foda bis dato gerade einmal das Soll an Erwartungen erfüllt. Sowohl ein Abstieg in der Nations League, als auch ein Nichtqualifikation für die EURO 2020 (in dieser Gruppe) wären blamabel gewesen.

Franco Foda hat sich die EM-Teilnahme durch solide Arbeit verdient. Ein Grund dafür ist auch, dass er das sowohl in der Spitze als auch in der Breite beste Nationalteam zur Verfügung hat, an das sich ganze Generationen von heimischen Fußballfans erinnern können. Wenn bei der EM dann auch mehr als das aufgrund der Qualität zu Erwartende erreicht wird, kann man über eine Verlängerung des Vertrages nachdenken. Dafür müssen aber auch Pflichtspielerfolge gegen stärkere Nationen als bisher her. Die Chancen dazu werden sich bieten. 

Der Aufruf zur Zurückhaltung ist Zeugnis davon, dass sich der rot-weiß-rote Fußball die letzten Jahre in eine gute Richtung entwickelt hat. Man ist Ländern wie Slowenien, Israel und Nordmazedonien mittlerweile um einiges voraus, das war vor zehn Jahren sicher nicht der Fall. Euphorie sollte deswegen aber noch nicht aufkommen, das gestrige Spiel hat diese sicherlich flächendeckend ohnehin gebremst. Freude über das Erreichte sowie Vorfreude auf Fanreisen durch Europa oder Public Viewings bei Österreich-Spielen im kommenden Sommer sind aber willkommen.

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