Es ist keine 24 Stunden her, da war „Euphorie“ in Fußball Österreich noch ein Fremdwort. Nur kühnste Optimisten verzichteten vor dem letzten Gruppenspiel gegen die Ukraine auf Taschenrechner. Insbesondere die Art und Weise wie Österreichs Nationalteam die Osteuropäer in die Schranken wies, war die positive Überraschung des Tages.

Foto-Credits: Robert Lösch


Ein völlig losgelöster Franco Foda jubelte kurz nach Abpfiff der Partie am Bukarester Rasen mit seiner Mannschaft. Oft für taktische Mängel gescholten, lieferte der Deutsche just am Tag der Entscheidung das notwenige Erfolgsrezept. Die Umstellung auf eine Viererkette erwies sich ebenso als Goldgriff wie das laufstarke Dreier-Mittelfeld aus Florian Grillitisch, Xaver Schlager und Konrad Laimer. Alle drei Herren, die in der Deutschen Bundesliga ihr Geld verdienen, lieferten eine tadellose Partie ab. Schlager wusste wie Laimer mit unermüdlicher Laufarbeit und konsequentem Pressing zu gefallen. Apropos Pressing: das frühe Spiel gegen den Ball zahlte sich erstmals bei diesem Turnier so richtig aus. Es war bereits bekannt, dass Foda auf schnelle Druckphasen setzte, selten funktionierten die Bewegungsabläufe jedoch so gekonnt wie gegen die Ukraine – warum? Florian Grillitsch und Marcel Sabitzer wussten neben dem starken Forechecking auch gekonnt die Räume abzudecken. Die Shevchenko-Truppe wurde dadurch zu Rück- und Fehlpässen gezwungen – Spielsituationen, die zuletzt vermehrt von der österreichischen Mannschaft praktiziert wurden.

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Befreiten sich die Herren in gelb dann doch von den hochstehenden Österreichern, war die Abwehr gefordert. Martin Hinteregger, der wieder ins Abwehrzentrum rückte, und Aleksandar Dragovic erfüllten dabei ihre Aufgabe ohne Kompromisse einzugehen. Ihr abgeklärtes Positionsspiel ließ das sonst so gefährliche Sturmzentrum der Ukraine blass erscheinen. Wer ein Haar in der Suppe sucht, wird wohl links hinten fündig. Während Stefan Lainer seine offensiven Ausflüge auch mit der notwendigen Präsenz, rund um den eigenen Strafraum bestätigte, war David Alaba weniger mustergültig. Zwar war das Angriffsspiel des Neo-Madrilenen von Laufbereitschaft und Übersicht geprägt, aber nicht von der für einen Linksverteidiger nötigen Arbeit zurück in die eigene Hälfte. Am Ende sorgten Alabas Kollegen dafür, dass das Haar in der Suppe nicht zum Geschmacksverderber wurde.

Für die nötige Würze sorgten indes die Offensivkräfte. Waren in den vergangenen Länderspielen fehlende Tiefgänge und Kreativität das Hauptmanko am heimischen Nationalteam, wurden diese nun besser ausgemerzt. Gut abgestimmte Laufwege und die sich quer über das Spielfeld-erstreckende Übersicht von Lainer, Schlager und Laimer ließ den heimischen Fan erstaunt und zufrieden vor dem Bildschirm mitfiebern. Der entscheidende Zug zum Tor oder alles überstrahlende Geistesblitz war aber auch gegen die Ukraine nicht zu sehen. So fehlten auch dieses mal ab und an die schnellen Läufe oder die konsequenten eins-gegen-eins-Situationen, mit denen man noch früher für Entspannung hätte sorgen können.

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Stichwort Entspannung: an formstärkeren Tagen hätte Marko Arnautovic in dieser Analyse als Doppeltorschütze wohl mehr Erwähnung gefunden. Eine physisch starke, aber spielerisch bescheidene Leistung des China-Legionärs ließ Andere in Erscheinung rücken. Christoph Baumgartner dürfte demnach seinen künftigen Enkelkindern von der „Sohle von Bukarest“ erzählen. Und Alessandro Schöpf wird seine EM-Erinnerungen von 2016 mit einem weiteren Höhepunkt überbieten können. Ohnehin könnte der Schalke-Legionär als Sinnbild für das Auftreten der österreichischen Mannschaft gesehen werden. Denn in einem Jahr, das freilich erfolgreicher hätte sein können, waren Schöpf sowie Kollegen just am Tag X da um zu abzuliefern.

Pässe, Zweikampfstärke und Balsam für die heimische Fußball-Seele wurden letztlich am 21. Juni 2021 von einer (überraschend) starken österreichischen Mannschaft geliefert – ein Tag, der in die Fußballgeschichte eingeht.

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