Die Szenerie wiederholte sich am Samstagabend im Ernst-Happel-Stadion. Ausgelassene Stimmung, viele Bierduschen und eigens angefertigte Trikots – so feierten Österreichs Teamkicker wie schon 2015 die Qualifikation zur Europameisterschaft. In den letzten Jahren hat sich beim Nationalteam viel geändert. Statt des lockeren Schweizers Marcel Koller sitzt nun der Deutsche Franco Foda auf der Trainerbank – in einer Analyse sehen wir uns an wie weit sich die beiden Qualifikationen voneinander unterscheiden und was uns bei der Euro erwarten muss.


Quali-Vergleich:

Im Jahr 2015 rangierte Österreich mit 28 Punkten aus zehn Spielen auf Platz Eins in einer Qualifikationsgruppe mit Schweden, Russland, Montenegro, den Färöer-Inseln und Liechtenstein. Eine im Rückblick spielerisch ganz akzeptable Qualifikation, die, durch die Ergebnisse, zu Europameister-Phantasien führte. Österreich gewann zwar neun seiner zehn Spiele, mit spielerischen Gusterstücken wurde bereits damals schon gegeizt. Die etablierte Truppe, die Koller immer und immer wieder aufstellte, erreichte ihren Zenit leider in der Qualifikation und nicht bei der Endrunde. Oft waren es knappe Siege, die die Koller-Elf feiern durfte. Zweimal war es nur ein Tor Unterschied, das einen Sieg gegen den Fußballzwerg Moldawien auf Linie brachte. Das 5:0 in Vaduz gegen Liechtenstein und das 4:1 in Stockholm gegen Schweden waren hingegen Meilensteine in spielerischer Hinsicht. Koller schaffte es ein gutes Team ergebnisorientiert zu einem Großereignis zu führen.

Die Paradigmata für die Qualifikation zur Endrunde nächstes Jahr änderten sich bereits nach den ersten beiden Spieltagen komplett. Mit zwei Niederlagen gegen Polen und Israel stand das ÖFB-Team mit dem Rücken zur Wand. Foda muss man in dieser Phase zu Gute halten, dass er kühlen Kopf bewies. Der Sieg gegen Slowenien resultierte zur Kehrtwende und als Startschuss für eine starke Serie, die insgesamt 22 Punkte aus acht Spielen einbrachte. Spielerisch konnte das ÖFB-Team dabei vor allem in Skopje gegen Nordmazedonien und in Warschau gegen Polen überzeugen. Auch bei schwächeren Auftritten wie beim Retourmatch gegen Andi Herzogs Israelis konnte man siegreich von dannen ziehen, ein Faktum, dass sich Foda und Koller teilen. Foda muss sich jedoch den Vorwurf gefallen lassen, dass er mit einem sehr stark besetzten Kader lediglich eine mittelmäßige Qualifikation gespielt hat – auch er hat drei Spiele mit nur einem Tor Unterschied gewonnen. Vor allem das unrühmliche Ende gegen Lettland dürfte jegliche Euphorieströme in der Heimat verfliegen lassen.

Taktische Ausrichtung

Marcel Koller betreute das Nationalteam 54-mal als Coach, 50-mal schickte der Schweizer dabei die Herren in rot-weiß in einer 4-2-3-1 Anordnung aufs Spielfeld. Was zunächst eine gewisse Routine und Sicherheit garantierte, brach Koller schließlich das Genick. Schon bei der Endrunde in Frankreich waren die Gegner auf Österreich eingestellt und konnten vor allem die Abwehrreihe, die sich zu oft auf die Sechser David Alaba und Julian Baumgartlinger verließ, ausspielen. So waren alle vier Gegentore bei der Endrunde Abschlüsse des Gegners im österreichischen Strafraum, zweimal wurde man ausgekontert. Koller rotierte auch nach verpatzter Endrunde nicht und setzte weiter auf das 4-2-3-1 mit den letztlich schon fast zu alten Kickern und so verpasste man auch die WM 2018. Der einstige Teamchef reagierte in den entscheidenden Situationen oft zu spät. In seiner sechsjährigen Ära konnte lediglich zweimal ein Rückstand in einen Sieg umgewandelt werden, eine miserable Bilanz.

Franco Foda hat in seinen bisherigen 21 Länderspielen sieben verschiedene Formationsanordnungen aufs Feld geschickt. Die Breite an Qualität im Kader, die natürlich auch die Handschrift von Marcel Koller trägt, macht es dem Deutschen leicht Experimente auszuführen. War unter Koller die Rechtsverteidigerposition mit Florian Klein, György Garics und zuletzt Moritz Bauer nie optimal besetzt, hat Foda den Luxus mit Lainer und Trimmel zwei hervorragende Außenverteidiger in seinen Reihen zu haben. Zudem kommt noch die Option einer Dreierkette mit Dragovic, Hinteregger und Posch, die mittlerweile allesamt im Team schon Top-Leistungen abgerufen haben dazu. Amüsant bleibt, dass die „Alaba muss LV spielen“-Diskussion unter Foda gänzlich verschwunden ist, was wohl auch der Abgeklärtheit von Andreas Ulmer geschuldet ist. Der Salzburger, einst von Koller wegen seiner Hochzeit noch gescholten, ist definitiv die bessere Option als Kevin Wimmer, der in den WM Qualispielen gegen Wales und Irland sichtlich überfordert war (ein Eigentor, ein folgenschwerer Ballverlust). Die Foda-Truppe hat zudem schon dreimal einen Rückstand in einen vollen Erfolg umgewandelt, ein Indiz für die Kampfeslust der Mannschaft und der nötigen Variationsbereitschaft auf der Trainerbank.

Verbesserungswünsche

Diese Variationsbereitschaft zeigt sich bei Foda, jedoch selten auf der Tafel des Schiedsrichterassistenten. Wie die Kollegen Manuel Tonezzer und Lukas Lorber in ihren Tweets anmerken, wechselt Foda oft zu spät – ein Problem?

 

Ja, die fehlende Wechselfreude von Franco Foda könnte ein Problem werden. Wie schon angemerkt, scheiterte Koller am zu starrem Festhalten am Personal, das sich eben nicht immer profilierte. Die jetzige Zusammensetzung der österreichischen Nationalmannschaft würde Rotation stressfrei erlauben. Die Breite des derzeitigen Kontingents besitzt genug Qualität, um jeden Spieler beinah eins zu eins ersetzen zu können. Vor allem auf der Position des Stürmers muss Foda mutiger werden und auch Marko Arnautovic vom Feld holen, wenn dieser nicht seinen allerbesten Arbeitstag in die Schuhe geschnürt hat. Karim Onisiwo, Lukas Hinterseer, Andreas Weimann oder auch Thomas Goiginger als falsche Neun wären mögliche Kandidaten für das zweite Leiberl in der Offensive.

 

Standard Gefahr

Foda hat es in seiner Ära geschafft aus Standardsituationen wieder für Gefahr zu sorgen. Fünf Tore erzielte das Nationalteam aus einem ruhenden Ball in der Qualifikation – ein durchaus anschaubarer Wert, aber auch hier ist noch Luft nach oben. Es wäre wünschenswert hier wieder das Momentum der Überraschung wieder mehr zu bemühen. Im Juni 2018, als Österreich sensationell Deutschland schlug, überraschte die Foda-Elf mit einem Eckball auf den zweiten Pfosten, besetzt vom einschussbereiten Martin Hinteregger. Mit Kreativität konnte damals einer absoluten Weltklasse-Mannschaft eingeschenkt werden. Gerne darf auch im kommenden Sommer ein derartiger Geistesblitz über die Übertragungsbildschirme flimmern und ein Kapitel in einem möglichen österreichischen Sommermärchen darstellen.

Spielerische Feuerwerke

Wie schon angemerkt, ist das österreichische Fußball Nationalteam derzeit so gut besetzt wie seit knapp 80 Jahren nicht mehr. Valentino Lazaro, David Alaba, Marcel Sabitzer und Co. sind internationale Top-Spieler. Unbestritten kann jeder von ihnen einem Spiel seinen Stempel aufdrücken und für Zungenschnalzer unter den Fans sorgen. Die technische Klasse und die Spielfreude, die diese Truppe auf jeden Platz bringen kann, birgt eine Art Verantwortung gegenüber den Zusehern. Fodas Spielstil ist oft abwartend und eher defensiv orientiert, vor allem in Warschau bemerkte man bei einigen Teamkickern eine stille Revolution gegen die defensive Doktrin des Teamchefs. Die auf dem Platz vorhandene Qualität dürfte, wenn es nach uns geht definitiv ausgenutzt werden.

So gibt es also die ein oder andere Baustelle, die bis zum Großereignis noch einer Sanierung bedarf, werden diese Mankos ausgelotet, darf gejubelt werden.

Trainer

Koller

Foda

Ballbesitz (Durschnitt)

57,7%

60,4%

Torschüsse

16,7 pro Spiel

19,3 pro Spiel

Tore (davon nach Standardsituation; ohne Elfmeter)

22 (1)

19 (3)

Gegentore

5

9

 

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