Völlig unbemerkt begann an jenem kalten Oktobertag im Jahr 2008 österreichische Fußballgeschichte. Als die Übertragung auf die Schafsinsel zusammengebrochen war und ORF-Kommentator Thomas König im Radio-Stil das blamable 1:1 der österreichischen Nationalmannschaft gegen die Färöer-Inseln dokumentierte, feierte Marko Arnautovic neun Minuten vor Schluss sein Länderspieldebüt. 101 weitere sollten seither folgen, der Rekord von Andreas Herzog von 103 Spielen dürfte bereits in wenigen Tagen Geschichte sein.

Arnautovic vermochte 2008 die Blamage gegen den Fußballzwerg nicht mehr abzuwenden. Dem damaligen Nachwuchstalent von Twente Enschede wurde zwar eine strahlende Zukunft prognostiziert, diverse Skandale ließen den Hype um den Offensivgeist jedoch nie so richtig entflammen. Unter Karel Brückner sowie dessen Nachfolger auf der ÖFB-Trainerbank Dietmar Constantini sorgte Arnautovic mehr mit Aktionen abseits des Platzes für Stirnrunzeln, als er Begeisterung auf dem Grün versprühen ließ. Zwei Jahre nach seinem Teamdebüt trug sich Arnautovic gegen Aserbaidschan erstmals in die Torschützenliste ein. Wenige Monate zuvor wurde Inter Mailand, wo Arnautovic zu dieser Zeit unter Vertrag stand, Champions-League-Sieger. Ob der Tatsache, dass er damals keine einzige Partie in der Königsklasse absolvierte, ist der Triumph lediglich ein Vermerk auf Transfermarkt.at und wohl kein Aushängeschild auf der Visitenkarte.

“Ohhhhhh! Oh! Das gibt es nicht! Arnautovic stolpert über diesen Ball” – ORF-Kommentator Thomas König

Auch in den folgenden Jahren blieb Arnautovic der ganz große Sprung verwehrt, oftmals wegen eigener Fehltritte – ein Spitzenteam sollte nie seine Vita zieren, auch wenn immer wieder welche anklopften. Im Nationalteam teils ein Fremdkörper, teils ein gescheiterter Edeltechniker, war Arnautovic nicht der klingendste oder beliebteste Name, den sich die Fans aufs Trikot in dieser Zeit drucken ließen. Der Wendepunkt kam mit Marcel Koller. Bereits in der zweiten Partie des Schweizers avancierte Arnautovic mit einem Doppelpack gegen die Ukraine beim 3:2-Sieg am Tivoli zum Matchwinner. Die größte Reifeprüfung legte der damalige Flügelflitzer bei seinem größten Team-Missgeschick ab. Im Heimspiel gegen Deutschland zum Auftakt der WM Qualifikation 2014 bereitete Arnautovic den Treffer zum 1:2 durch Zlatko Junuzovic zwar mustergültig vor, ließ jedoch die Großchance zum 2:2 in der 88. Minute ungenützt. Aus knapp fünf Metern stolperte der Wiener den Ball an Manuel Neuer und dessen Tor vorbei, Jakob Jantschers ideal-getimter Querpass nur eine bedauerliche Randnotiz im Spielbericht und nicht der Assist zu einer Erfolgsgeschichte – wobei eigentlich schon.

“Ich will Entschuldigung sagen ans ganze Land” – Marko Arnautovic nach dem Spiel gegen Deutschland

Arnautovic gab sich in der Folge reumütig. Ein Schritt weiter vorne und Arnautovic hätte zum Ausgleich getroffen, doch die fehlenden Zentimeter ebneten den Weg für einen weiteren Karrieresprung. Ein demütiger Arnautovic, der sich seither in den Dienst der Mannschaft stellt, begleitet das ÖFB-Team seit zehn Jahren. Es scheint, als würde Arnautovic in beinah jedem Auftritt für das Nationalteam versuchen den Fehler von einst wieder gut zu machen. Seitdem Hundertprozenter gegen Deutschland netzte Arnautovic 25 Mal für das Team, 32 Mal insgesamt. Im EM-Achtelfinale gegen Italien fehlten abermals Zentimeter für ein weiteres Stück Fußballgeschichte, Österreich und Arnautovic verließen den Platz als Verlierer.

Fazit ist, dass wir zufrieden sein können. Aber ich bin nicht zufrieden. – Marko Arnautovic nach dem EM-Achtelfinale gegen Italien

Es sind die großen Niederlagen, die Arnautovic´ Karriere begleiten und dessen Umgang ihm zu einem großen Sieger machen. Nach der 1:2-Niederlage gegen Wales im WM Playoff im März 2022 spielte der Angreifer mit dem Gedanken seine Teamkarriere zu beenden – Hirngespinste, die verworfen wurden. Auch nach dieser Niederlage schnürrte Arnautovic gegen Kroatien für das ÖFB-Team seine Schuhe, wie er es 98 Mal zuvor tat. Von vielen als möglicher Fremdkörper in einem Rangnick-System ausgemacht, avancierte Arnautovic, der mittlerweile längst den Status eines Fanlieblings genießt, zum ersten Torschützen der Rangnick-Ära. Schritt für Schritt, Zentimeter für Zentimeter wurde Marko Arnautovic zu einem der größten Fußballer des Landes – in Zeiten der größten Freude, sowie der bittersten Enttäuschung.