Am Freitag kommt es in der Allianz Arena zu München, nur 100 Kilometer fern der österreichischen Grenze, zur 39. Auflage zwischen den Nationalmannschaften aus Deutschland und Österreich, dem fußballerischen Pendant der biblischen Geschichte von Goliath und David. Zwei Wochen vor Beginn des Oktoberfests könnten elf Österreicher die Idylle in der bayrischen Hauptstadt und dem Rest Deutschlands gehörig ins Wanken bringen.

Deutschland führt die Gruppe C der WM-Qualifikation mit 16 Punkten an, dahinter kämpfen realistisch betrachtet drei Teams um den zweiten Platz. Österreich, Irland und Schweden rangieren mit 11 Punkten auf dem zweiten Tabellenrang, wobei die beiden Letztgenannten im direkten Duell in Dublin gegeneinander antreten. Aus österreichischer Sicht wäre in dieser Partie ein Remis sicher nicht das schlechteste Ergebnis. Dennoch gilt es für die Koller-Elf zu versuchen, in Deutschland anzuschreiben, eine Aufgabe wie sie härter nicht sein kann.

Die letzten Aufeinandertreffen liegen immer noch schwer im Magen. Bei der Qualifikation zur Euro 2012 unterlag man denkbar knapp mit 1:2, lange Zeit war ein Punktegewinn zum Greifen nahe – bis Gomez in der Nachspielzeit einköpfte. Das Rückspiel in Berlin ging sang- und klanglos mit 2:6 verloren. Auch in der aktuellen Qualifikationsrunde endete das Hinspiel im Wiener Ernst Happel-Stadion nach tapferem Kampf der rot-weiß-roten Elf mit einer 1:2-Niederlage. Nie verdaut wurde dabei der vergebene Sitzer von Marko Arnautovic gegen Ende des Spiels. 

Zwei mal war man zuletzt knapp dran an der Sensation, denn als solche kann man mittlerweile bereits ein Unentschieden gegen den großen Bruder Deutschland durchaus bezeichnen. Gereicht hat es trotzdem nicht – trotz famoser Leistung im letzten September. Das soll und muss sich jetzt ändern.

Deutsche Dominanz interessiert Koller nicht

Bei allem – durchaus angebrachten – Optimismus soll an dieser Stelle auf die überragende Bilanz der deutschen Nationalmannschaft in WM-Qualifikationen hingewiesen werden. In 77 Partien setzte es lediglich zwei Niederlagen, nur Portugal 1985 (1:0) und England 2001 (5:1) schafften Siege gegen Deutschland, beide sogar in der Höhle des Löwen.

Doch die Tatsache, dass Österreich den letzten Sieg auf deutschem Boden in der Urzeit des Fußballs im Jahr 1931 feierte, scheint hierzulande keinen zu beeindrucken. So wird das zumindest nach außen hin von Teamchef Koller vorgelebt. "Zuversichtlich stimmt mich, dass ich noch nicht lange hier bin, dass ich Schweizer bin und dass ich die Mannschaft nicht an Niederlagen erinnere, sondern an unsere Spielweise", lehnt Koller zu Beginn des ÖFB-Lehrgangs jegliche Statistik und Historie von vornherein ab. 

Unter mit dem vom Schweizer ausgegebenen Motto "Spaß und Bock" soll in den Trainingseinheiten vor dem großen Showdown am Freitag für die richtige Einstellung und Vorbereitung gesorgt werden.

Löw-Elf defensiv verwundbar

In den letzten drei Partien zeigten sich die Mannen von Joachim Löw in der Defensive schwer fehleranfällig. Ecuador, die USA und Paraguay schenkten der deutschen Hintermannschaft rund um Neuer, Boateng, Hummels und Lahm zusammen neun Tore ein, die Balance zwischen Defensive und Offensive passte in keiner der Partien.

"Wir müssen als Mannschaft unsere Defensivarbeit machen, ob das der Stürmer oder wir Mittelfeldspieler sind", übte auch Regisseur und Arsenal-Neuzugang Mesut Özil nach den freundschaftlichen Länderspielen Kritik an sich und seinen Mannschaftskollegen.

Ein Aspekt, der auch in Österreich erkannt worden sein wird. Es ist nicht zu erwarten, dass Beton angerührt wird, Österreich wird sein Glück in der Offensive suchen und das unter Koller phasenweise stark praktizierte Pressing auch gegen den übermächtigen Gegner aufzuziehen versuchen.

Mit Spielern wie Arnautovic, Alaba, Harnik, Weimann, oder auch Hosiner verfügt man sowohl auf den Flügeln als auch im Zentrum über agile Spieler, die den langen Innenverteidigern Mertesacker, Boateng und Hummels mit ihrer Schnelligkeit Kopfzerbrechen bereiten und die zuletzt ans Tageslicht getretenen Abstimmungsprobleme in der deutschen Abwehr ausnutzen könnten.

Schwerwiegende Ausfälle auf deutscher, einige Fragezeichen auf österreichischer Seite

Mit Bastian Schweinsteiger (Stauchung des rechten Sprunggelenks und Kapselzerrung) fehlt der Dreh- und Angelpunkt, das Herz und Hirn des deutschen Teams. Aufgrund des Ausfalls von Borussia Dortmund-Mittelfeldmann Ilkay Gündogan wird wohl Lars Bender von Bayer Leverkusen, der gegen Paraguay auch als Torschütze in Erscheinung trat, den Platz im defensiven Mittelfeld neben Sami Khedira einnehmen.

Auch die verletzungsbedingten Ausfälle von Mario Götze und Lukas Podolski könnten Österreich in die Karten spielen, wenngleich die Alternativen mit Draxler, Schürrle oder Kroos nicht unbedingt einen großen Leistungsabfall erwarten lassen.

Wie schon in den letzten Spielen sind es auf Seiten Österreichs weniger die Ausfälle, die Sorgen bereiten. Nur Julian Baumgartlinger ist aufgrund einer Gelb-Sperre gegen Deutschland nicht einsatzberechtigt. Sein Ersatzmann Veli Kavlak meldete sich zuletzt nach einer Verletzung rechtzeitig zurück.

Vielmehr ist es die mangelnde Spielpraxis von Hauptprotagonisten wie Janko oder Arnautovic. Auch Martin Harnik stand in Stuttgart zuletzt selten in der Startformation. Wie wichtig Janko für das Nationalteam sein kann, zeigte er eindrucksvoll beim 2:1-Sieg gegen Schweden, wo er mit einem sehenswerten Flugkopfball das zwischenzeitliche 2:0 besorgte. Leider verletzte sich Janko in dieser Partie, wurde jedoch bei Trabzonspor zuletzt wieder ins Mannschaftstraining aufgenommen. Zu Kader-Einberufungen reichte es in der neuen Saison jedoch nicht. Er wird im Training unter Sonderbeobachtung stehen. Arnautovic, unter Koller immer gesetzt, hat erst einen Einsatz von Beginn an in der neuen Bundesliga-Saison vorzuweisen.

Am Mittwoch wurde noch Marcel Sabitzer vom U21-Team nachnominiert. Wie es derzeit aussieht, ist Zlatko Junuzovic nicht völlig fit, nach dem Dienstagstraining klagte er über Schmerzen. Weitere zwei bis drei Spieler, die namentlich nicht genannt wurden, konnten ebenfalls nicht das volle Programm mitmachen und sind lt. Koller "angeschlagen".

Noch keine Gedanken an Irland-Partie

Die Gefahr, wichtige Spieler durch ihre Gelb-Vorbelastung für das womöglich entscheidende Duell gegen die Iren am nächsten Dienstag in Wien vorgeben zu müssen, kennt Koller. Dragovic, Prödl, Fuchs, Alaba, Harnik, Janko und Hosiner würden für das Irland-Spiel ausfallen, sollten sie am Freitag gelb sehen. 

Dennoch sieht der Schweizer keinen Anlass zu einer großen Veränderung seiner Stammformation. Ob sich dies rächen wird, wird man erst nach dem Spiel gegen Deutschland wissen, jedenfalls könnte diese Tatsache Kritik an der Aufstellung hervorrufen. Ob Österreich es sich leisten kann, gegen einen Gegner wie Deutschland Personaleinsparungen vorzunehmen ist naturgemäß auch zu hinterfragen.

Heimspiel für Alaba

Wie seine eigene Westentasche kennt der in heimischen Gefilden wie ein Halbgott verehrte David Alaba den Schauplatz des freitägigen Spektakels. Woche für Woche zeigt der  21-Jährige im Trikot des ebendort heimischen FC Bayern München Leistungen auf höchstem Niveau. Ebensolche werden auch am Freitag vom ganzen Land erwartet, die Erwartungshaltung ist enorm, doch die Schultern des David Alabas sind den Druck gewöhnt und halten einiger Belastung stand. 

Wie in der biblischen Sage, die übrigens in ihrem "Nerv-Potential" nur vom immer wieder vor dieser Begegnung aufkommenden, unsäglichen "C"-Wort geschlagen wird, könnte der rot-weiß-rote David den großen Goliath in die Knie zwingen. Wirklich bewirkt hat weder das Heraufbeschwören des einen, als auch des anderen Mythos bekanntlich noch je etwas. Bleibt zu hoffen, dass es diesmal anders wird.

Das österreichische Nationalteam erwartet am Freitag in München eine hitzige Partie, die Allianz Arena wird kochen und die 7.000 ÖFB-Fans im Gästesektor werden ihren Teil dazu beitragen, um unsere Mannen vor das deutsche Tor zu bringen. 

Und eines hat der Fußball schon oft bewiesen, Wunder gibt es immer wieder!
 

(Autor: jakobp)

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