Nationalteam

„Euphorie ist nie ein Nachteil“ – ÖFB-Kapitän Julian Baumgartlinger im Interview

Das letzte Jahr hätte nicht ereignisreicher für ÖFB-Kapitän [spielerprofil spieler=“Julian Baumgartlinger“] sein können. Im Jänner wurde der 33-Jährige noch am Kreuzband operiert, die Chance auf einen Einsatz bei der Europameisterschaft sahen nicht mehr ganz so rosig aus. Nach der gelungenen Reha steht „Jules“ wieder voll im Saft und ist bereit für die Europameisterschaft. Im Interview mit 12termann.at spricht der Kapitän über seine Fitness, Erfahrung und Kritik. 

Bildcredits: Joseph C. Estl

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Am 27. geht es in das Teamcamp, du warst lange nicht mehr dabei. Wie ist derzeit deine Gefühlslage hinsichtlich des Teams?

Ich freu mich extrem. Ich bin super happy, dass ich wieder fit geworden bin und, dass sich das mit der Reha ausgegangen ist. Ich bin außerdem sehr froh, dass ich am letzten Spieltag noch in den Kader von Leverkusen gerutscht bin. Meine Gefühlslage könnte nicht positiver sein und die EM ist dann zusätzlich noch etwas Besonderes.

Das Kreuzband hat dich vier Monate außer Gefecht gesetzt – bei den Kollegen von der Kleinen Zeitung hast du gesagt, dass die Fitness top ist, aber es an Spielen fehlt. Kann das für dich noch ein Problem werden?

Das wird sich weisen. Ich hoffe natürlich, dass ich bei den Freundschaftsspielen, die wir gegen England und die Slowakei haben, so viel wie möglich spielen kann. Das ist das Um und Auf für die längeren Einsätze bei der EM. Aber ich bin sehr optimistisch, weil der körperliche Zustand an sich sehr gut ist, dass ich beim EM-Start auf einem sehr guten Level sein werde.

Hattest du während deiner Abstinenz Kontakt mit dem Team bzw. mit dem Teamchef?

Der Teamchef hat mich regelmäßig nach der Verletzung kontaktiert und gefragt, wie es mir geht. Er hat sich erkundigt, ob eine Perspektive besteht für den Sommer und ob er mich bei der EM einsetzen kann. Und natürlich auch wie es mir so geht. Nach dem Herbstlehrgang habe ich auch mit den Spielern im Team, die ich schon länger kenne, Kontakt gehalten. 

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Du warst 2016 schon bei der EURO dabei und die Mannschaft hat sich verändert. Was sind die größten Unterschiede von Österreich 2016 und Österreich 2021?

Nach der EM 2016 und der WM-Quali 2018 ist ein Großteil der Spieler mehr oder weniger zurückgetreten. Es hat sich schon einiges getan. Die Mannschaft ist eindeutig jünger geworden, es ist ein sehr guter Schwung aus der U21 nachgekommen. Die nachgerückten Spieler waren schon Legionäre und Leistungsträger in ihren Mannschaften, während sie noch in der U21 gespielt haben. Das hat es vorher noch nicht gegeben. Wir haben deswegen schon ein sehr junges, ruhiges und auch schon erfahrenes Team. Das ist der größte Unterschied zu 2016. Damals waren viele Spieler schon am Höhepunkt einer langen Nationalteamkarriere. 2021 ist das für viele erst der Anfang und das erste Turnier, auf das hoffentlich noch viele folgen.

Bei dieser EM sind wieder viele Jungs dabei, die auch schon in 2016 dabei waren, nur ein Spieler ist unter 23. Hat man jetzt die Erfahrung, die vor fünf Jahren noch gefehlt hat?

Das würde ich schon sagen. Gerade was das Jahr 2016 betrifft. Die Euphorie, der ganze Hype, der sich schon vorher aufgebaut hat, bis hin zur Enttäuschung zum Schluss – daraus konnten wir unsere Lehren ziehen. Auch die Verantwortlichen im ÖFB und der Staff haben das mitbekommen und daraus gelernt. Eine Turniererfahrung kann man nicht von der Hand weisen. Die kann man sich nicht aneignen, die muss passieren. Das ist definitiv ein Vorteil zu 2016 bzw. kann ein Riesenvorteil sein, wenn wir auch daraus was machen.

Euphorie ist derzeit noch keine zu bemerken. Ist das für diese EM eher ein Vorteil oder ein Nachteil?

Nein, Euphorie ist nie ein Nachteil. Ich glaube es geht darum, wie wir als Mannschaft damit umgehen. Das ist viel wichtiger. Wenn man sich von einer Euphorie nur tragen lässt, wird das nicht funktionieren. Es liegt an uns, positive Stimmung zu erzeugen und aufkommen zu lassen. Wir müssen weiter performen, bevor wir uns von irgendwelchen Euphoriewellen tragen lassen können.

In der letzten Zeit gab es viel Kritik. Am ÖFB, am Teamchef, an der Spielweise und auch an der Mannschaft. Wie nimmst du bzw. nehmt ihr die Kritik auf und welchen Stellenwert nimmt die Kritik in der mentalen Vorbereitung auf das Turnier ein?

Phasenweise empfand ich die Kritik überzogen, beispielsweise im Rahmen der Nations League. Die Qualität im Bewerb ist top, es gibt keine schlechten Gruppen, alle Teams haben das Zeug für den Aufstieg. Da kannst du nicht durchmarschieren und jedes Spiel 5:0 gewinnen, diese Erwartung ist einfach überzogen und fehl am Platz. Kritik gehört dazu und ist manchmal auch notwendig, man muss es aber richtig einordnen können und genau das tun wir auch.

Lukas Lorber

Lukas LORBER (Redaktion) Bei 12terMann seit: 10/2016