Alles Scheisse!” und “Der Dragovic war schuld!” waren die ersten Kommentare nach der Niederlage des ÖFB-Nationalteams am Mittwoch gegen Island, die ORF-Mann Peter Brunner von wütenden Fans vor dem Stade de France eingefangen hat.

Fans? Nein, das sind keine echten Fans – bestenfalls Schönwetter-Fans, die sinnbildlich für die österreichische Fankultur, den Großteil der Berichterstattung in den Medien und generell für ein unverbesserliches Schwarz-Weiß-Denken einer ganzen Nation stehen, die einfach nicht imstande ist, in einer sachlichen Art und Weise Misserfolge aufzuarbeiten und gestärkt daraus hervorzugehen. 

Wir möchten mit diesem Artikel einerseits auf Ursachenforschung gehen, warum die EM so dermaßen daneben gegangen ist, andererseits unserem Leitbild folgend wieder eine Grundstimmung einläuten, die echten Fans und seriösen Medien würdig ist.

Was von der EM-Quali übrig blieb

Neun Siege aus zehn Spielen, teilweise mit überragendem Offensivfußball und Platz 10 der FIFA-Weltrangliste haben Begehrlichkeiten geweckt. Ein Land, das über viele Jahre bei jedem Großereignis nur das “Wir müssen leider draußen bleiben”-Schild zu sehen bekam und teilweise durch Trainer-Katastrophen niemals die Chance bekam, das vorhandene Spielerpotential optimal auszuschöpfen. Wir waren alle wie ein über Jahrzehnte ausgetrockneter Schwamm, der nun endlich diese Chance witterte, aus der hintersten und verspotteten Ecke auch einmal wieder ins Rampenlicht zu treten. Nur allzu verständlich, aber die Art und Weise war wieder einmal völlig daneben. Viele Fans und die sie mit Falsch- und Halbinformationen fütternden Boulevard-Medien sahen in der Elf von Marcel Koller schon den angehenden Europameister. Dieser völlig absurde Druck wurde dem Team gleich ab September 2015 aufgebürdet – ob die Spieler es wollen oder nicht, diese Berichterstattung bekommt jeder mit und keiner kann es gänzlich ausblenden (obwohl Marcel Koller zigmal zu etwas mehr Demut aufgerufen hat).

Falsche Selbsteinschätzung, Nervosität & Formkrisen

Die von außen konstruierte Erwartungshaltung hat möglicherweise auch bei einigen Spielern eine falsche Selbstwahrnehmung heraufbeschwört. Die spielerische Lockerheit der EM-Quali wich bei den Vorbereitungsspielen teilweise einer zu großen Lockerheit, vielleicht sogar einem “Auf die leichte Schulter nehmen”. Gleichzeitig wollte sich niemand so knapp vor der EM verletzen und gab nicht die letzten Prozent. Ist ja irgendwie auch nur zu verständlich. Mit den knappen/schlechten Ergebnissen in der Vorbereitung kam dann die Verkrampfung dazu, Verkrampfung die zu Nervosität geführt hat. Dazu gesellte sich eine bisher einmalige Menge an Spielern, die außer Form sind oder mangelnde Spielpraxis hatten – aus welchen Gründen auch immer. Die “Wohlfühloase Nationalteam” hatte einzelne Formkrisen bisher immer abgefedert, ja sogar beendet. In dieser Zahl war das aber gepaart mit der unbewussten Angst nicht mehr möglich.

Und dann kam das große Event

Der von vielen geforderte Pflichtsieg über das vermeintlich schwächste Team der Gruppe F wurde zu einer schallenden Ohrfeige. “Was bitte ist denn da heute passiert?” fragte man sich nach dem Spiel gegen Ungarn, in dem so ziemlich alles schiefging, was schiefgehen konnte. Im Gegensatz zur Qualifikation, als eigentlich fast alles für uns lief (frühe Tore, späte Tore, etc.) – aber trotzdem zumeist Siege mit nur einem Tor Differenz. Das Offensivspiel Österreichs erlitt mit der Verletzung von Zlatko Junuzovic einen schweren Schlag, der womöglich auch taktisch nicht ganz korrekt bewertet wurde. Vielleicht hätte ein frühzeitigerer Einsatz von Alessandro Schöpf die Chancen auf das Achtelfinale erhöht, wir können nur spekulieren. Dazu der mehr als harte Auschluss von Aleksandar Dragovic zu einem Zeitpunkt, als eigentlich der Ausgleich für Österreich fiel – vom frühen Stangenschuss von David Alaba ganz zu schweigen. Bei so einem Turnier entscheiden auch Momente.

Gegen Portugal setzte Marcel Koller auf eine ganz ungewohnte Defensivtaktik. Trotzdem hätten wir bereits in der Anfangsphase durch Martin Harnik in Führung gehen können, auch da fehlten nur Zentimeter. Portugal war nach dem überraschenden Unentschieden gegen Island ebenfalls unter Druck, wer weiß, wie sie mit dem Rückstand zurechtgekommen wären.

Doch das sind alles nur Spekulationen, keiner von uns war im Teamcamp in Mallemort, keiner weiß, was sich hinter den Kulissen abgespielt hat und wie die Spieler trainiert haben. Das weiß nur Marcel Koller und der hat auf Basis seiner Erkenntnisse aufgestellt und die Taktik vorgegeben. Gegen Island war das halt die Dreierkette, die nicht wie gewünscht funktioniert hat – und trotzdem hatten wir auch hier unsere Möglichkeiten.

Am Ende sind wir als Gruppenletzter ausgeschieden und trotz aller negativen Vorzeichen hätte mit etwas mehr Glück, Ruhe und Präzision auch der zweite Gruppenplatz herausschauen können. Hat dann aber nicht sollen sein, wir können es ohndies nicht mehr ändern.

Und die Ratten kriechen wieder aus ihren Löchern

Als ob sie nur auf den Misserfolg gewartet hätten, stellen sogenannte Experten, Stammtisch-Philosophen und Pseudofans gleich alles und jeden in Frage. Alteingesessene Medien vergeben wie trotzige Kinder Spielerbenotungen, die an Absurdidät kaum zu überbieten sind. Und wenn vermeintlich seriöse Medien nach Schlusspfiff ein Bild von Marcel Hirscher posten und dazu schreiben “Es kommt eh bald wieder der Winter” (oder dgl.), dann können wir eigentlich nur noch kotzen!

Wenn ihr euch nicht seriös mit Fußball beschäftigen wollt, dann lasst es bitte ganz bleiben! Freut euch auf eure Schirennen und jubelt Marcel Hirscher zu (hoffentlich hat er nie eine Formkrise!). Wir brauchen keine Erfolgs-Fans, die dem Team beim ersten Negativlauf den Rücken zuwenden, aber vor drei Monaten noch den EM-Titel propagiert haben. Genauso wenig brauchen wir Medien, die in der Berichterstattung nur auf möglichst reißerische Überschriften und bestmögliche Klickraten schauen. Berichtet gefälligst seriös und sachlich, bei Erfolg und Mißerfolg!

Ein Appell an alle

Die EM ist Geschichte, wir sind alle enttäuscht – die Spieler und der Betreuerstab sicher am meisten. Was wir jedoch jetzt auf keinen Fall brauchen, ist eine Stimmung wie vor der Ära Marcel Koller. Ihm ist es zu verdanken, dass er aus den verschiedensten Typen von Einzelspielern eine eingeschworene Truppe geformt hat. Diesmal hat es halt nicht gereicht, aber die Erfahrungen aus der EURO 2016 nimmt jeder mit. Das Nationalteam braucht ab sofort wieder die bestmögliche Unterstützung, um die verdammt schwere Gruppe der WM-Qualifikation zu überstehen!

Selbstkritik

Nicht dass jetzt der Eindruck entsteht, dass wir bei allen anderen die Schuld suchen – auch wir waren wahrscheinlich in manchen Berichten zu euphorisch und haben unseren Anteil an der zu hohen Erwartungshaltung. Wir haben daraus gelernt und werden uns bemühen, es mit einer kritischen Auseinandersetzung in Zukunft hoffentlich besser machen. Auf jeden Fall bleibt unser Fokus voll und ganz auf die Unterstützung des Nationalteams gerichtet – in guten wie in schlechten Zeiten. Und das funktioniert nur, wenn auch die Fans entsprechend informiert sind. Erfolgsfans entstehen nämlich nur durch schlechte und halbherzige Berichterstattung – und der wollen wir weiterhin mit aller Kraft entgegenwirken.

Wir alle sind der 12. Mann – bei Licht und Schatten!

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Die neuen Motive für Fanshirts rund um das ÖFB-Nationalteam sind da!

One thought on “Sudern, raunzen und nörgeln – wie eine Nation Enttäuschungen verarbeitet

  • Avatar
    25. Juli 2016 at 09:47
    Permalink

    Enttäuscht?
    Ja bin ich.
    Wütend?
    Bin ich auch.
    Aber nich über ubser ÖFB Team.
    Sondern über diese Schwachmaten an Erfolgfans.
    Klar, wir habens versemmelt, und ja wir haben dezent versagt.
    Ja und?
    Mir doch egal ob wir Gewinnen oder eine Ohrfeige bekommen.
    Immer wieder Österreich!!!
    Ich hoffe echt jeder, der sich “Fan” nannte und dann darüber schimpfte, hat seine ÖFB Trikots, Caps, Fahnen usw ä. verbrannt oder weggeworfen.

    Weil IHR die Schande der Nation seit. Und nicht unsere Mannschaft.

    Lg euer treuer Fan :)

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