Seit Sommer 2018 hat sich im Leben von Raphael Holzhauser vieles getan. Auf einen unzufriedenstellenden Aufenthalt in der Schweiz folgte ein, für alle Beteiligte, überraschendes Jahr in der zweiten belgischen Liga, ehe der 28-Jährige seit dieser Saison in der belgischen Jupiler Pro League bei Beerschot V.A. zu den herausragenden Akteuren zählt und mit seinem Verein kurz vor den Playoffs um die Europa League-Plätze steht. Mit uns plaudert der Offensivakteur über seinen aktuellen Verein, erzählt, wie er mit Kritik von Seiten der Fans umgeht und spricht auch kurz über das Nationalteam.


12terMann.at: Raphael, vier Runden vor dem Ende der Hauptrunde bist du mit Beerschot mittendrin im Rennen um einen Startplatz im Playoff um die Europa League-Plätze. Vom Aufsteiger eventuell gleich rein ins internationale Geschäft. Daran habt ihr wohl vor der Saison nicht gerechnet, oder wusstet ihr insgeheim, dass viel drinnen ist, da ihr euch quasi eine Saison lang mehr oder weniger als Team – für euch sehr überraschend – in der zweiten Liga einspielen konntet?

Hätte uns vor der Saison jemand gesagt, dass wir vier Runden vor dem Ende der Hauptrunde tatsächliche realistische Chancen auf eine Teilnahme im Europa League-Playoff haben, dann hätte dies von unserer Seite kein Mensch für möglich gehalten. Doch wie du richtig gesagt hast: vor eineinhalb Jahren, als ich zu Beerschot gewechselt bin, war der eigentliche Plan, dass wir erstklassig sind. Durch eigenartige Umstände mussten wir dann doch in der zweiten Liga bleiben. Im Nachhinein betrachtet hat uns das Jahr der Zweitklassigkeit wahrscheinlich gutgetan, auch mir persönlich. Vielleicht ein Mitgrund, dass wir uns in der Jupiler Pro League gleich exzellent einfinden konnten.

Unser Start in die aktuelle Erstligasaison verlief dann zusätzlich sensationell, so konnten wir unter anderem den FC Brügge schlagen, was uns als Team nochmal richtig gestärkt hat.

Das heißt also, dass euer aktueller Lauf ein Zusammenspiel diverser Teilerfolge und die vorhandene Eingespieltheit zurückzuführen ist.

Auf jeden Fall, ja. Knapp 60, 70% des Kaders hatten zuvor noch keine Erstligaerfahrung. In den ersten Spielen haben die Jungs jedoch schnell erkannt, dass sie auf dem neuen Niveau mithalten können. Der gute Start war von immenser Wichtigkeit, wären wir schlechter in die Saison gestartet, hätte dies womöglich auch in eine andere Richtung gehen können. Ich bin ob der gezeigten Leistungen extrem stolz auf die Mannschaft und dass wir ganz oben mitspielen, ist natürlich wunderschön.

Überhaupt hat sich Beerschot rasant entwickelt – in der Saison 16/17 war der Verein noch in der dritten Liga unterwegs. Kannst du einem Außenstehenden erklären, was – abgesehen von der sportlichen Leistung – den Verein so schnell wieder nach ganz oben gebracht hat?

2013 spielte der Verein sogar noch in der fünften Liga, teilweise vor etwa 7000 Zusehern und hat sich seitdem kontinuierlich nach oben gearbeitet. Der Verein lebt von den Fans, hat ein richtig starkes Publikum, das jetzt durch Corona leider dem Stadion fernbleiben muss.

Auch sportlich hat der Verein einen Plan, den er durchzieht. Wir haben einen saudi-arabischen Scheich als Präsidenten, dem neben Beerschot, Sheffield United und ein weiterer Verein in der zweiten französischen Liga gehört. Im Sommer 2020 folgten zudem gute Neuverpflichtungen mit zwei Stürmern und einem japanischen Nationalspieler und man hat gesehen, dass wir dem Kader in der Liga gut mithalten können.

Das heißt, ihr habt durch euren Präsidenten wohl auch die finanziellen Möglichkeiten, um euch langfristig oben in der Liga etablieren zu können.

Hoffentlich, ja. Das Ziel des Vereins ist auf jeden Fall die Etablierung in der Jupiler Pro League und die regelmäßige Qualifikation für die Europa League-Playoffs.

Du bist bei Beerschot das Um und Auf – in 30 Spielen bist du 30mal von Beginn an aufgelaufen, hast dabei sensationelle 29 Scorerpunkte geholt. Womit erklärst du dir diese Leitungsexplosion? Hat es auch damit zu tun, dass du bei deinem aktuellen Verein einen Tick offensiver eingesetzt wirst, als dies z.B. bei der Austria der Fall war?

Exakt, ja. Bei der Austria war es damals so, dass ich von hinten heraus das Spiel aufgebaut habe und die alleinige Sechs gespielt habe. Wir hatten bei der Austria oft 65, 70% Ballbesitz, da hieß es für mich, mit langen Bällen das Spiel gut zu öffnen.

Bei Beerschot sieht man mich seit meiner Ankunft weiter vorne, ich bekleide eine der beiden Zehnerpositionen und fühle mich innerhalb der Mannschaft äußerst wohl. All dies, gemeinsam mit einem guten Standing im Verein, führt dann dazu, dass ich meine Leistungen wöchentlich auf den Platz bringen kann.

Wirft man einen Blick auf die Heatmaps über die letzten Spielzeiten fällt auf, dass du bei Beerschot zumeist über die linke Außenbahn aktiv bist. Die Position hat sich über die Jahre somit vom Zentrum etwas auf die Seite verlagert. Ist dies möglicherweise auch ein Grund dafür, dass du noch besser zur Geltung kommst?

Das liegt aus meiner Sicht eher an unserem praktizierten Spielsystem, bei dem ich im 5-2-2-1 die halblinke Zehnerposition bekleide. Zudem ist unser Kader mit einem sehr offensivstarken linken Außenverteidiger gesegnet, das heißt, viel läuft bei Beerschot über die linke Seite.

Auffallend auch, dass du – im Vergleich z.B. zu deiner Zeit bei der Austria – pro Spiel auf deutlich weniger Ballberührungen kommst. Dabei schaut allerdings deutlich mehr heraus. Ist die damit einhergehende größere Effizienz ein Zeichen gewonnener Reife oder erklärt sich das durch deine vorherige Ausführung, dass du bei der Austria zumeist allein für die Spielgestaltung eingeteilt warst?

Das mag ein Mitgrund sein, ja. Vielmehr hängt es aber damit zusammen, dass wir bei der Austria Ballbesitzfußball praktiziert haben, in vielen Spielen Favorit waren, sich die Gegner oft hinten reingestellt haben und wir in Ruhe unser Spiel aufziehen mussten. Als Beerschot sind wir in Belgien deutlich seltener in der Favoritenrolle, wodurch zumeist die Gegner deutlich mehr Ballbesitz haben und somit die eigenen Ballaktionen geringer sind. Im Endeffekt ist es aber wohl ein Zusammenspiel der beiden genannten Faktoren.

Du hast nach deiner Station in der Schweiz und der überraschenden Spielzeit in der zweiten belgischen Liga zwei schwierigere Jahre hinter dir. Inwieweit ist der Status Quo für dich eine Art Genugtuung und Bestätigung deines Könnens?

Wenn es gut läuft, kann man dies natürlich immer als Bestätigung seines Könnens sehen. Ich habe aber auch in meiner Zeit in Zürich oder in der Vorsaison immer gewusst, woran ich arbeiten muss und wo meine Stärken liegen. Der Glaube an mich und an meine Stärken, der war auch in den Phasen, in denen es nicht so gut lief, immer da. Up and Downs gehören zu einem Fußballerleben dazu, ich weiß, wie ich damit umzugehen habe.

Ich muss gestehen, dass ich es wahnsinnig stark finde, dass du mit Beerschot den Weg in die zweite Liga mitgegangen bist, obwohl dich der Verein hätte ziehen lassen. Du hast das mal in einem Interview damit begründet, dass du bereits die gesamte Vorbereitung mit der Mannschaft mitgemacht hast und das Team nicht im Stich lassen wolltest.

Die Entscheidung, dass wir doch in der zweiten Liga ranmüssen, fiel zehn oder zwölf Tage vor dem Ligastart und da war ein Wechsel für mich einfach kein Thema mehr. Ich habe zuvor schon die vier Wochen Vorbereitung mitgemacht, habe mich in der Mannschaft sehr wohl gefühlt und hatte damals schon das Gefühl, dass wir, selbst wenn es jetzt in die zweite Liga geht, bald in der Jupiler Pro League spielen werden. All die genannten Punkte haben letztendlich für einen Verbleib gesprochen.

Ich glaube, auch die Fans sind mir sehr dankbar, dass ich mich dazu entschieden habe, bei Beerschot zu bleiben.

Deine Leistungen dürften wohl europaweit nicht unbemerkt geblieben sein. Du warst bereits in Deutschland, der Schweiz und Belgien aktiv, hast noch bis 2023 einen gültigen Vertrag, doch gibt es eine Liga, die dich noch reizen würde?

Das ist aus meiner Sicht immer schwierig zu sagen. Als Fußballer willst du natürlich immer das Maximum erreichen, wenn möglich International spielen. Jetzt liegt der Fokus aber mal auf die verbleibenden vier Spiele in der Hauptrunde, in der wir alles daran setzen werden, dass wir die Playoffs für die Europa League erreichen. Das wäre für uns ein immenser Erfolg. Im Sommer werden wir sehen, was passiert, aber ich halte eigentlich nichts davon, sich permanent mit der Frage zu beschäftigen, was der nächste Schritt ist. Ich habe hier einen längerfristiger Vertrag und aktuell habe ich vor, diesen zu erfüllen.

Ein Raphael Holzhauser ist eine Person, die polarisiert. Die einen sehen in dir den genialen Ballverteiler, der die präzisesten Pässe direkt auf den Fuß des Mitspielers chippt. Die anderen den – angeblich – lauffaulen Mittelfeldspieler, der das Spiel zu wenig an sich reißt. Man kann es wohl nie allen Recht machen, wie geht man als Profi mit der – oft unreflektierte – Kritik um?

Ich glaube, es war schon immer eine Stärke von mir, dass ich mich von solchen Kommentaren nicht beeinflussen lasse. Jeder hat das Recht, seine Meinung zu sagen, aber am Ende zählen im Fußball Statistiken und die sprechen, nicht nur heuer, eindeutig für mich. Das wichtige im Fußball ist, dass man erfolgreich ist und das war ich auch bei der Austria, mit der ich zweimal in der Europa League gespielt habe. Es folgte dann ein schwieriges Jahr in der Schweiz, dies war zweifelsohne ein kleiner Rückschlag, aber seit der letzten Saison läuft es hier mit Beerschot einfach nur perfekt.

Die Leute haben allerdings, wie zuvor erwähnt, das Recht, sich ihre Meinung zu bilden. Mein Job ist allerdings der Fokus auf die Arbeit, hart zu trainieren und am Wochenende Spiele zu gewinnen und der Mannschaft mit Toren und Assists zu helfen.

Eine gute Einstellung meiner Meinung nach, anders würde man wohl verrückt werden.

Natürlich gibt es Spieler, die die Thematik eher belastet. Aber wir sind ein freies Land, jeder kann seine Meinung sagen und die gilt es dann auch für uns Spieler zu akzeptieren.

Wir haben vorher kurz die Austria angesprochen – dein Ex-Verein hat zum zweiten Mal en suite die Meistergruppe in der heimischen Bundesliga verpasst. Verfolgst du die Geschehnisse rund um den Verein noch und hast eine Erklärung, warum die sportlichen Leistungen den Erwartungen hinterherhinken?

Natürlich verfolge ich die Austria nach wie vor, schaue mir auch ab und an die Spiele an, sie ist mein absoluter Herzensverein. Ich durfte mit dem Verein in der Europa League unter anderem gegen den AC Mailand und die AS Rom antreten, das vergisst du natürlich nie.

Was nach meinem Abgang passiert ist, ist für mich schwer zu sagen, ich bekomme ja alles nur von der Ferne mit. Natürlich ist die aktuelle Situation für den Verein nicht zufriedenstellend, eine Austria muss einfach immer unter den Top 6 sein, das ist keine Frage. Aber jetzt gilt es für den Verein, das untere Playoff zu gewinnen, um doch noch die Chance auf einen internationalen Startplatz nutzen zu können.

Bei der Austria kommen allerdings auch zahlreiche junge Talente nach, gut möglich, dass man in ein paar Saisonen die Früchte erntet.

Ja, auf jeden Fall. Allerdings muss man hier aufpassen, denn nur mit jungen Spielern geht es heutzutage auch nicht, du brauchst schon den ein oder anderen gestanden Profi im Team.

In der 5-Jahres-Wertung liegt die belgische Liga einen Platz vor der österreichischen Bundesliga. Siehst du gravierende Unterschiede zwischen den beiden Ligen oder würdest du sagen, dass das Niveau in etwa dasselbe ist?

Ich glaube, dass es hier in Belgien mit Brügge, Gent, Genk und Anderlecht vier Topmannschaften gibt, die Liga dürfte – auch ob der Anzahl von 18 Teams – in der Breite etwas besser aufgestellt sein, als die österreichische Bundesliga. Aber generell ist das eine eher schwierig zu beantwortende Frage.

Ob deiner überzeugenden Leistungen in Belgien durftest du im Herbst dein Debüt im Nationalteam feiern, kamst gegen Griechenland und Luxemburg zum Einsatz, beide Spiele wurden gewonnen. Überraschenderweise verzichtete der Teamchef nun auf deine Dienste für die ersten drei WM-Qualifikationsspiele. Wurde dir von Seiten des ÖFB erklärt, warum du diesmal nicht dabei bist?

Der Teamchef hat sich bei mir gemeldet und mir mitgeteilt, dass ich auf Abruf bin. Das gilt es als Spieler dann so zu akzeptieren, auch wenn ich der Meinung bin, dass ich alles getan habe, um mir berechtige Hoffnungen auf ein Einberufung machen zu können. Für mich heißt es jetzt, dran zu bleiben und in Belgien Woche für Woche meine Leistungen zu bringen, um wieder ein Thema für das Team zu sein.

Die EM 2021 findet in wenigen Monaten statt – wie siehst du deine Chancen, dass du Österreich bei dem Großereignis repräsentieren kannst?

Als Fußballer willst du natürlich immer dein Land repräsentieren, aber wie ich zuvor gesagt habe, es liegt nicht in meiner Hand. Ich hoffe, dass die Jungs drei gute Ergebnisse in den kommenden Spielen einfahren werden und was im Sommer sein wird, das werden wir dann schon früh genug sehen.

Raphael, vielen lieben Dank für das Interview und alles Gute für die nächsten Wochen

Danke vielmals!

Raphael Holzhauser im Wordrap zum Anhören: