Damir Canadi übernahm im vergangenen Sommer überraschend das Traineramt bei Atromitos Athen in der griechischen Super League. Atromitos startete sensationell in die Saison und war nach zehn ungeschlagenen Runden sogar Tabellenführer. Sechs Runden vor Ende der Saison hat der Klub nun 14 Punkte Vorsprung auf Rang fünf und steht kurz vor der Qualifikation für den Europacup. Selbst die Chance auf die Champions League-Qualifikation ist nach Punkteabzügen für die Konkurrenten PAOK Saloniki und Olympiakos Piräus nicht ausgeschlossen.

Im Interview  mit 12terMann.at spricht Damit Canadi nun über eine Liga, in der um jeden Preis versucht wird, den Erfolg zu erzwingen. Außerdem ortete er bei Rapid zu wenig Bereitschaft für Veränderungen und sieht die immer weiter aufgehende Schere in Fußball-Europa als großes Problem.


12terMann.at: In Griechenland gibt es – ähnlich wie in Österreich – mit Olympiakos einen Klub der finanziell weit stärker ist, dann drei Klubs (PAOK, AEK Athen, Panathinaikos Anm.) die in der finanziell zweiten Reihe spielen und dann viele Kleinere. Kann man die Ligen – auch wirtschaftlich – miteinander vergleichen?

Damir Canadi: Absolut ja. Olympiakos ist in den letzten 20 Jahren sicher über alle zu stellen. Ich glaube aber, dass PAOK finanziell gleichgezogen hat und auch vom Trainingszentrum und dem neuen Stadion her nun auf diesem Level ist. Dann kommt eben AEK, die die Tabelle jetzt aber nicht unverdient anführen, und Panathinaikos. Und dann kommen mit Asteras Tripolis, Panionios, Panetolikos, Skoda Xanthi und Atromitos fünf Klubs, die sehr ähnlich aufgestellt sind.

Welche Attribute beschreiben die griechische Liga am besten?

Laufbereitschaft, Zweikampf und Organisation. Darauf legen sie großen Wert. Das hat auch damit zu tun, dass Erfolg an erster Stelle steht und nicht so wie bei uns in Österreich, die Ausbildung. Jeder Verein schaut, dass er seine Ziele erreicht, ob realistisch oder unrealistisch. Die Anzahl der Trainerentlassungen ist sehr hoch, weil die Ziele oft sehr unrealistisch sind. AE Larissa und Apollon Smirnis beispielsweise haben heuer schon die vierten Trainer. Da geht es rein um Erfolg. Mit dem südländischen Flair sind sie natürlich auch sehr heißblütig.

Die Fans sind eben auch als sehr heißblütig bekannt. Die Partie Olympiakos gegen PAOK wurde zuletzt nicht angepfiffen, nachdem Oscar Garcia von PAOK-Fans am Kopf getroffen wurde. Wie haben Sie die Fanszenen bislang wahrgenommen?

Ich kann es natürlich nicht für gut heißen, wenn man als Trainer oder Spieler beworfen wird. PAOK hat dann aber seine Strafe bekommen und Olympiakos hat hier mit einem Schlag sechs Punkte aufgeholt. So lebt Griechenland. Sie versuchen mit allen Mitteln, Punkte zu erreichen. Es ist ihnen dabei völlig egal, ob ihr Image gut oder schlecht ist. Ich denke, dass der Fußball ein sehr guter ist aber mit ihrem Image machen sie sich sehr viel kaputt. Für den Erfolg nehmen sie alles in Kauf. Wie die drei Punkte erreicht werden ist ihnen sowas von – auf gut wienerisch – blunzn, ob gerecht oder ungerecht. Der Wurf auf Garcia war natürlich nicht richtig und gehört nicht zum Fußball. Durch die Punkteabzüge von PAOK und davor von Olympiakos (Fans hatten den Bus von AEK mit Steinen beworfen, Anm.) hat sich jetzt alles gedreht. Vor 14 Tagen war PAOK fast Meister, jetzt ist auf einmal AEK in Front. Was hier in zehn Monaten passiert ist, habe ich in 17 Jahren Österreich nicht erlebt. Jede Woche ist irgendwo ein Skandal. Sogar zwischen den Präsidenten von Larissa und AEK kam es zu einem Handgemenge – sowas wäre bei uns undenkbar.

Für den Erfolg nehmen sie alles in Kauf.

Haben Sie sich erwartet, dass es für Atromitos heuer so gut läuft? Immerhin wurden Sie sogar zum Trainer der Hinrunde gekürt?

Dass es so gut läuft und wir sechs Runden vor Schluss fast fix für Europa qualifiziert sind, war nicht zu erwarten. Das Ziel vor der Saison war aber schon kommende Saison Europacup zu spielen. Mit diesem Ziel bin ich hergekommen. Darum freut es mich umso mehr, dass wir vielleicht schon im nächsten Spiel auch rechnerisch das Ziel finalisieren können.

Ist es für Atromitos realistisch, sich auf Dauer im Spitzenfeld der Liga zu etablieren?

Im Unterschied zu Österreich stehen wir hier ja in der Obhut eines Präsidenten. Man ist nicht von Sponsoren abhängig, sondern hier gehört der Verein dem jeweiligen Präsidenten. Da sind wir also davon abhängig, wie es dem wirtschaftlich gerade geht. Deswegen ist das sehr schwierig zu sagen. Aber ich habe einen sehr guten und ehrgeizigen Präsidenten. Er und der Sportdirektor sind auch sehr loyal zu mir, was in Griechenland sicher nicht die Regel ist. Das ist auch mitentscheidend für den Erfolg. Bei uns gibt es keine Probleme bei den Auszahlungen, was in Griechenland immer wieder vorkommt. Wenn es dem Präsidenten in seinem Business weiterhin gut geht, wird es auch Atromitos gut gehen.

Gibt es schon Planungen für die nächste Saison? Immerhin haben Sie ja wieder wie gewohnt nur für ein Jahr unterschrieben.

Grundsätzlich sind wir bereits in sehr konsequenten Gesprächen. Ich denke, wir haben hier eine gute Basis gefunden. Das macht aber mein Berater. Der weiß, was ich für die nächste Saison brauche, um erfolgreich zu arbeiten. Die Bereitschaft zur Verlängerung ist auf beiden Seiten da und bis Ende März wollen wir die Gespräche zu Ende bringen.

Sie waren bis jetzt überall erfolgreich, nur in Hütteldorf wollte es nicht so recht klappen. War es einfach der falsche Zeitpunkt damals für die Kombination Canadi/Rapid?

Wenn ein Verein zehn Jahre keinen Titel holt, dann muss er bereit sein für Veränderungen. Diese Veränderungen wurden bereits vor meiner Verpflichtung besprochen und es gab auch die mündliche Zusage, dass der Verein dazu bereit ist. Das kippte dann aber in diversen Gremien mit dem Misserfolg sehr schnell, da hätte es mehr Geduld und ein paar mutige Entscheidungen gebraucht. Ich sehe bei Rapid nicht viel Fortschritt, es sind dieselben Probleme wie damals noch immer da. Ich halte Rapid für einen super geilen Verein mit super Möglichkeiten aber da ist es auch notwendig, diese optimal auszuschöpfen. Dass man sagt: „Ok, den Weg mit Canadi zum Erfolg steht man durch.“ Ich bin in einer schwierigen Situation mit vielen Verletzten gekommen. Da war die Mannschaft vielleicht auch nach den Trainerwechseln mental müde, aber auch in einer gewissen Komfortzone. Ich kann heute guten Gewissens sagen, dass ich niemanden beleidigt habe. Ich habe Spieler nur direkt darauf angesprochen, dass es ein paar andere Dinge braucht, um wieder einen Titel zu holen. Man muss bereit sein, wenn Red Bull schwächelt. Aber mittlerweile ist man mit Platz zwei, drei oder vier und dem Europacup zufrieden. Ich war bereit für Titel mit Rapid alles zu geben, aber leider war das der Verein mit seinem Zugang nicht.

In gut zwei Wochen steht das erste Länderspiel des Jahres an. Das ÖFB-Team befindet sich im Umbruch. Viele Junge rücken nach, Arrivierte haben aufgehört. Wohin steuert das ÖFB-Team?

Zuerst einmal finde ich die Trainerbestellung eine gute Entscheidung. Wir haben aber auch vorher einen tollen Teamchef gehabt, der eine unglaubliche Arbeit geleistet hat. Auf die kann man jetzt sehr gut aufbauen. Wir haben viele junge Spieler im Ausland, wie etwa jetzt wieder Stefan Posch bei Hoffenheim. Das ist die Ernte einer sehr guten Arbeit aus den letzten 10, 15 Jahren und wir schauen in eine gute Zukunft. Egal wo die österreichischen Spieler hingehen, sie spielen dort in ihren Vereinen.

Ist die Teilnahme an der EM 2020 bei 24 teilnehmenden Nationen Pflicht?

Pflicht ist immer schwierig zu sagen. Dafür ist heute alles zu eng. Es ist nicht mehr so wie in den 1970er-Jahren, als man Spiele 6:0 gewonnen hat. Du musst heute auch gegen die Kleinen hart arbeiten um zu gewinnen. Das muss man lernen zu akzeptieren. Viele respektieren aber noch nicht, dass auch in diesen Ländern gut gearbeitet wird und auch in ausländische Trainer und den Nachwuchs investiert wird. Auch diese Länder haben viele Legionäre. Dass es Pflicht ist sich zu qualifizieren, glaube ich nicht. Aber wir werden immer eine gute Rolle in der Qualifikation spielen. Davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt.

Ist der Teamchefposten etwas das für Sie eines Tages interessant wird?

Absolut. Ich denke, dass es die größte Auszeichnung ist, Teamchef zu sein. Das soll auch einmal ein Ziel sein. Derzeit bin ich aber im Vereinsfußball sehr gut aufgehoben in meinem Alter. Ich trage auch große Energie in mir, jetzt einmal im Vereinsfußball weiterzukommen.

Ich denke, dass es die größte Auszeichnung ist, Teamchef zu sein. Das soll auch einmal ein Ziel sein.

Vor Kurzem wurde die Champions League-Reform bekannt gegeben. Die großen Nationen wollen und werden dabei noch mehr unter sich bleiben. Eine bedenkliche Entwicklung auf Kosten der kleinen und mittleren Nationen oder?

Da bin ich zu 100 Prozent bei Ihnen. Diese Entwicklung wird alles schlucken, wirklich schade. Es wird immer schwieriger, sich für etwas zu qualifizieren. Du wirst nie am großen Pott teilhaben, es wird nur noch die Großen geben. Wo hätte es das vor ein paar Jahren gegeben, dass in der Champions League Liverpool bei Porto 5:0 gewinnt. Ich glaub, dass sich das extrem teilen wird. Das sollte so nicht sein. Aber so ist die Welt, Geld bestimmt. Private Investoren ermöglichen das. Natürlich wird kein Trainer oder Spieler Nein sagen, wenn er das Glück hat, in solchen Vereinen arbeiten zu dürfen. Aber ja, die Schere geht unglaublich auseinander.

Würden Sie sich da mehr Widerstand von den Nationen außerhalb der Top vier wünschen?

Wie soll man das machen?

UEFA-Präsident Aleksander Ceferin hat gemeint er will die Kleinen stärken, jetzt wurden die aber wieder übergangen. Da müssten doch mal Nationen geschlossen aufschreien.

Also mit uns hat keiner gesprochen. Ich kann mich nicht erinnern, mal mit jemanden von der FIFA oder UEFA gesprochen zu haben. Ich kenne hier in Griechenland ein paar Leute mit denen ich über diese Dinge diskutiere und jeder sagt, dass das ein Wahnsinn ist. Aber jeder akzeptiert es so wie es ist. Geld geht zu Geld und alle wollen da dabei sein. Die Entscheidungen der FIFA und UEFA gehen dann auch in diese Richtung, das ist ja nicht das erste Mal und das kennen wir bereits. Das steht mir aber nicht zu, das so zu bewerten, weil ich die Menschen, die das entscheiden, nicht kenne. Keine Ahnung auf welchen Grundlagen so entschieden wird. Da haben ja auch die großen Klubs wie Bayern, Manchester City, Chelsea und wie sie alle heißen, die Entscheidungen mitgetroffen. Wenn ich mir anschaue, wie schwer sich auch Klubs in der deutschen Bundesliga wie Hertha BSC Berlin tun, die kein Budget von 300 bis 500 Millionen haben. Mit 100 Millionen bist du da nirgends, das ist brutal.

Mittlerweile gehen Spieler für über hundert Millionen Euro über den Ladentisch. In England gibt es kaum noch Transfers für unter 30 Millionen. Fasst man sich da auch als Profitrainer manchmal an den Kopf?

Das schaukelt sich alles so in die Höhe, dass man da dann mitspielen muss, wenn man kann. PSG zum Beispiel hat Neymar geholt und erst dann haben sie auch Mpappe bekommen. Und jetzt müssen die anderen wieder nachziehen. Manchester City holt zwar auch Spieler um 50 Millionen, aber die versuchen noch eher Spieler zu entwickeln. Das ist dann mehr meine Welt.

Es geht alles um Business, das müssen wir akzeptieren.

Machen diese Summen den Fußball kaputt? Für den Zuschauer ist das langsam alles nicht mehr greifbar.

Das kann ich nicht sagen, da ich auf dem Niveau noch nie war. Die Schere sollte aber nicht so groß sein wie sie jetzt ist.

Glauben Sie hat dieser Transferwahnsinn ein Limit? Geht noch mehr als die 222 Millionen für Neymar?

Fakt ist, dass der Besitzer von PSG mit Trikotverkäufen und Marketing sicher ein Geschäft macht. Diese Transfers sind eine unheimlich wichtige Strategie, um Menschen ins Stadion zu bringen und das Merchandising anzukurbeln. Der hat das Geld wieder herinnen.

Das ist einfach noch einmal eine ganz andere Welt als in Österreich oder Griechenland oder?

Naja, es geht auch in Griechenland nur ums Business. Dem Präsidenten geht es zwar um Erfolg, aber natürlich auch darum, Spieler teuer zu verkaufen. Das ist das Business. Wir auf kleinerem Niveau und die anderen auf ganz hohem Niveau. Atromitos will von mir auch, dass ich Spieler entwickle, dass wir jeden Sommer zwei, drei verkaufen können und Minimum drei Millionen mit jungen Spielern einnehmen. Das ist alles ein Teil des Ganzen heute. Der Präsident investiert, will aber auch ein Geld zurück. Oder auch Sponsoren beteiligen sich heute an Transfers. Die investieren bei einem Klub und schneiden dann prozentuell bei weiteren Transfers mit. Das ist der Grund für ihr Sponsoring. Es geht alles um Business, das müssen wir akzeptieren.

Das Interview führte Sebastian Sohm

Titelbild-Bildnachweis: Facebook – Damir Canadi

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