Es geht bald wieder zur Sache, in der US-amerikanischen Major League Soccer (MLS). Gerhard Struber trifft mit seinen New York Red Bulls am kommenden Sonntag mitteleuropäischer Zeit auf die San Jose Earthquakes. Vor dem Saisonstart stand der 45-Jährige in einer Presserunde, bei der 12terMann.at mit dabei war, Rede und Antwort.

Titelbild: New York Red Bulls

“Das vorrangige Ziel ist es, den typischen ‘Red-Bull-Fußball’ zu implementieren”

„Wir sind mit einer sehr motivierten und gleichzeitig jungen Mannschaft am Start“, stellte Struber fest. Das verrät auch ein Blick auf den Kader: Die ältesten drei Spieler im Aufgebot von New York sind Ryan Meara (31 Jahre), Aaron Long (29 Jahre) und Tom Barlow (26 Jahre). „Es wird natürlich Zeit brauchen, die jungen Spieler mit unserer typischen Identität vertraut zu machen“, so Struber. Darüber hinaus sieht sich der gebürtige Kuchler der Herausforderung gegenüber, Abgänge aufzufangen. So verließ bspw. Kapitän Sean Davis, der 2021 in allen Ligaspielen über 90 Minuten am Feld stand, den Klub.

Da das Transferfenster in den USA noch bis Ende Mai offen habe, könne man aber noch handeln, „um ein Stück weit mehr Erfahrung in den Kader hineinzubringen.“ Der bisher teuerste Winter-Neuzugang bei den New York Red Bulls ist der offensive Mittelfeldspieler Luquinhas, für den man über drei Millionen Euro an Legia Warschau überwies. Aufgrund des Visa-Prozesses wird der Brasilianisch-Portugiesische Doppelstaatsbürger jedoch nicht sofort zur Verfügung stehen. „Wir sind aber guter Dinge, dass wir in den nächsten Wochen noch den einen oder anderen Schlüsselspieler dazugewinnen. Das ist entscheidend, um wieder größere Ziele anzugehen.“

Das vorrangige Ziel sei, wieder den typischen „Red-Bull-Fußball“ in der Mannschaft zu implementieren. Und man will es natürlich auch heuer, wie schon im letzten Jahr, wieder in die Playoffs schaffen. Man schaue jedoch von Spiel zu Spiel, weil die Mannschaft so jung wie nie sei und ein Großteil der Spieler noch keine Profiliga-Erfahrung sammeln konnte.

Es ist jedoch in Strubers Sinne, junge Talente zu entwickeln. Und wenn man es schaffe, Spieler am Markt interessant zu machen, gebe es eben andere Vereine, die Interesse zeigen. „Wir haben Spieler verloren, die man auch nicht mehr halten konnte, weil andere Vereine bereit sind, nochmal viel mehr Geld in die Hand zu nehmen.“ Das sei auch der große Unterschied zu den Red-Bull-Vereinen aus Europa oder Brasilien – in New York sei man im Hinblick auf die Ausgaben vergleichsweise bescheiden. „Den Weg trage ich jedoch mit, weil ich ein Trainer bin, der hungrige Spieler haben will, die bereit sind, in ihrer Karriere den nächsten Schritt zu gehen.“

Die Entfernung als Hürde und Herausforderung

Die andere Richtung, also Spieler aus Europa in die USA zu holen, sei aufgrund der Regeln, wie bspw. dem Salary Cap, nicht ganz einfach. Und speziell bei jüngeren Spielern gebe es möglicherweise eine Scheu, in die MLS zu wechseln, weil der Weg zurück nach Europa ungewiss ist. Die MLS kann jedoch ein großes Sprungbrett sein, wie Brenden Aaronson von Red Bull Salzburg beweist. „Durch die Entfernung ist die Liga aber vielleicht nicht so greifbar und durch die Zeitverschiebung hat man die Spiele nicht so sehr im Blick.“

Dennoch setze man sich auf der Suche nach neuen Spielern auch mit Ländern wie Österreich auseinander. „Dort gibt es quasi einen Jungbrunnen, in dem man fischen kann.“ Zum Teil stehe man auch in Kontakt mit Vereinen und wolle zukünftig auch transfertechnisch aktiv werden. In engem Kontakt steht der ehemalige WAC-Coach auch mit vielen Kollegen aus Salzburg. Er zog auch Vergleiche mit der Nachwuchsarbeit der Salzburger Bullen: „Was die Spielidee betrifft, sind wir von der Struktur und Durchgängigkeit noch nicht so lupenrein wie in Salzburg. Das Level aus der zweiten Mannschaft oder der Akademie ist nicht zu vergleichen mit dem Level, das Salzburg zur Verfügung steht.“ Man müsse kleinere Brötchen backen.

Apropos Brötchen: Die große Distanz nach Europa ist auch für Struber eine Herausforderung: „Mir geht vieles aus Österreich ab, am allermeisten natürlich meine Familie.“ Auch das Essen spielt eine Rolle: „Ganz einfache Dinge wie ein Schwarzbrot oder einen Kaiserschmarrn vermisse ich ebenso.“ In Amerika gebe es aber enorme Möglichkeiten, sich persönlich zu entwickeln. Man erhalte auch ein anderen Blick auf Sport, Politik oder Wirtschaft. „Und der typische Amerikaner denkt ja nicht in Zielen, sondern in Visionen. Wenn dort etwas schiefgeht, wird nicht viel darüber nachgedacht, sondern die nächste Vision angegangen. Wenn in Österreich jemand scheitert, ist es ein riesengroßes Problem. Die Amerikaner trauen sich richtig viel zu, das können wir uns von ihnen abschauen.“

Die MLS ist auf einem guten Weg

Auch auf die Entwicklung der Liga und den Stellenwert des Fußballs in den USA kam Struber zu sprechen: „Die MLS ist ein richtig hohes Level für junge Spieler. Wenn man um die Playoffs oder sogar um mehr rittern will, braucht man eine sattelfeste Mannschaft, welche die Erfahrung mitbringt, wie es an Spieltagen zugeht. Die Atmosphäre ist speziell auswärts besonders.“ Für viele seiner Jungs sei es komplettes Neuland, vor 25-30.000 Zusehern aufzulaufen.

„Mittlerweile gibt es viele Mannschaften, die einen proaktiven Fußball spielen. Viele internationale Trainer, die hier tätig sind, zeigen zudem ein hohes Anforderungsprofil an technisch-taktischen Themen.“ Der Fußball habe sich also sehr gut entwickelt und die Liga ist mit der MLS als Supporter und Franchise-Geber auch sehr professionell aufgestellt.

Aufgrund der Weltmeisterschaft, die 2026 in Kanada, Mexiko und den USA ausgetragen wird, sei generell gerade ein „Riesen-Flow“ drinnen. Auch die Vereine investieren auf einem hohen Level, „in vielen Bundestaaten gibt es einen richtigen Fußball-Hype, es herrscht eine Aufbruchsstimmung“.

Auch bei den Playoff-Spielen nach der „Regular Season“ geht es heiß her. Der Supporters‘ Shield, der an die punktbeste Mannschaft der regulären Saison vergeben wird, stehe in der Wertigkeit deutlich unter dem MLS-Cup, dessen Sieger in den Playoffs ausgemacht wird. „Für die Zuschauer sind die Playoffs einfach spannend. Sie sorgen für einen unglaublichen Verkehr bei den TV-Kanälen.“ In Ligen, in denen ein Zuschauerschwund zu beobachten ist, könne man über so ein System durchaus nachdenken, um wieder für Spannung zu sorgen.

Als Titelfavoriten macht Struber in der bevorstehenden Saison übrigens die beiden Vereine aus Los Angeles, LA FC und LA Galaxy, aus. Auch Philadelphia Union, wo der Österreicher Ernst Tanner tätig ist, oder New England Revolution seien ganz vorne mit dabei.

Zu guter Letzt war auch die Teamchef-Frage ein Thema. Darauf angesprochen hielt Struber fest, dass es auf der einen Seite natürlich immer eine Ehre sei, wenn man für so eine Position ins Spiel gebracht wird. „Gleichzeitig weiß ich, dass mit Franco Foda ein erfahrener und erfolgreicher Teamchef die Dinge leitet. Die Teamchef-Debatte ist an sich, glaube ich, nicht notwendig.“