Die ganze Welt kämpft mittlerweile mit der Eindämmung des Corona-Virus. Während man sich in Österreich langsam auf den Eintritt in die Normalität vorbereitet, geht es in vielen Ländern auf der Erde erst los – so auch in Südafrika. Mittendrin in dieser prekären Situation ist Legionär Roland Putsche. Im Interview hat der Mittelfeldspieler des Cape Town City FC mit uns über die strengen Maßnahmen, die schwierige Eindämmung des Virus in Südafrika und wie er sich in seiner Garage fithält.

Das Interview könnt ihr euch auch beim österreichischen Fußball-Podcast StadionSprechStunde anhören.


Hallo Roland, danke dir fürs Dabeisein.

Danke für die Einladung, bin froh dabei sein zu dürfen.

Wie geht es dir derzeit?

Mir geht es gut, wir sind erst seit circa einer Woche im Lockdown. Das Kabinenfieber ist noch nicht eingetreten, also geht es mir soweit noch gut. Ein bisschen langweilig wird es allerdings schon. Natürlich vermisst man die Natur, weil unser Lockdown ist ein bisschen extremer, als es in Österreich der Fall ist.

Könntest du beschreiben, wie der Lockdown in Südafrika derzeit aussieht?

Der größte Unterschied ist, dass es in Österreich noch erlaubt ist, spazieren zu gehen. In Südafrika ist das nicht der Fall. Das heißt, man ist wirklich angehalten, die Wohnung nicht zu verlassen. Es sei denn, man muss zur Arbeit oder Lebensmittel einkaufen.

Der letzte Stand der dokumentierten Covid 19-Fälle ist 1655. Das heißt, Südafrika ist womöglich auch durch den Tourismus stärker betroffen als die anderen Länder am afrikanischen Kontinent. Aber wenn der Virus in Afrika ist, dann ist das ja ein enormes Problem bezüglich des Gesundheitssystems.

Ich glaub, dass die Dunkelziffer in Südafrika noch höher sein wird, denn wir sprechen von großer Armut, von der 80 Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Da muss man davon ausgehen, dass sich die meisten von ihnen nicht auf den Weg machen und getestet werden. Wir haben jetzt schon Fälle in den ärmeren Gebieten und bis dato ist auch noch das Testen zu bezahlen gewesen. Die Leute können sich das einfach nicht leisten, dass da jemand hingeht, um einen Test zu machen. Ich möchte gar nicht wissen, wie hoch die Dunkelziffer wirklich ist.

In Südafrika gibt es ja auch die sogenannten Townships, in denen 13 Millionen Menschen leben. Das ist ca. jeder vierte Südafrikaner. 

Abgesehen von Kapstadt gibt es vier oder fünf wirklich schöne Städte in Südafrika und Südafrika ist riesig. Was man jetzt als Township bezeichnet, sei jetzt dahingestellt. Das ist überhaupt nicht vergleichbar mit finanziell stärkeren Gruppen auf der Welt. Die leben jetzt nicht mehr in den Blechdörfern aber das ist trotzdem noch keine Stadt, wie wir es kennen.

Die Polizei und das Militär gehen hart gegen Leute vor, die unterwegs sind. Wie bekommst du das mit bzw. bekommt man das in der Stadt überhaupt mit?

Wir bezeichnen Kapstadt als eine kleine Blase, das heißt man bekommt das kaum mit. Auch die Leute, die auf der Straße gelebt haben, wurden evakuiert. Ich bin sehr gut informiert und weiß ganz genau, was außerhalb der Stadt passiert und dass die Autorität vom Militär und Polizei ein bisschen misshandelt wird. Man muss auch dazusagen, dass die Anzahl von Polizisten und die Anzahl der Leute beim Militär im Verhältnis zur Population in Südafrika fast lächerlich ist. Ich glaube, man muss auch vorsichtig damit umgehen, denn die Anzahl der Einsatzkräfte, um diesen Lockdown durchzuführen, passt einfach nicht. Das können sie fast nicht managen.

Das heißt, es muss auch an die Bevölkerung appelliert werden, dass der Lockdown eingehalten wird. Das ist natürlich sehr schwierig.

Schwierig bis unmöglich würde ich jetzt fast sagen. Speziell in den wirklichen Townships, da reden wir von Familienleben mit 10 bis 15 Personen unter einem Dach. Wie sollen die sich isolieren? Das ist eigentlich fast unmöglich. Auch dieses Ausgehverbot funktioniert vorne und hinten nicht. Man bemüht sich, jedoch ist es fast unmöglich das durchzuführen.

Und wahrscheinlich ist es für die Eindämmung des Virus nicht von Vorteil, trotz Ausgangsbeschränkungen, wenn Leute auf engsten Raum zusammenleben.

Ja, genau, eigentlich ganz und gar nicht. Die Distanzkontrolle ist nicht gegeben. Die Leute hatten einfach nicht die Möglichkeit, sich vor dem Lockdown mit den lebenswichtigsten Sachen einzudecken. Da die meisten immer am 27. des Monats bezahlt werden und am 28. der Lockdown war, hat es sich bei den Supermärkten extrem gestaut. Die Dunkelziffer wird eindeutig viel höher sein und die Isolation läuft definitiv anders ab, als bei uns in Österreich.

Das klingt alles sehr kryptisch wenn man sich das vor Augen führt. Gibt es irgendwelche Möglichkeiten für die Menschen, dass sie irgendwie zu Lebensmitteln kommen?

Ja, es wurde was implementiert, ein Hilfefond von den wohlhabenden Südafrikanern. Leider gibt es kein Sozialnetz, das diese Leute auffangen könnte. Südafrika hat dafür auch einfach die finanziellen Mittel nicht. Bei dem Hilfefond haben sich die wirklich Wohlhabenden, die Top-10 Leute in Südafrika, zusammengetan und Geld zur Verfügung gestellt. Jedoch wird das nicht ganz ausreichen. Das Positive ist, dass es viele Leute gibt, die gutwillig sind. Zum Beispiel, einer meiner besten Freunde ist der südafrikanische Rugby-Kapitän Siya Kolisi, der jetzt die Weltmeisterschaft gewonnen hat. Mit ihm habe ich heute wieder video-telefoniert und seine Foundation fokussiert sich auf Essen und sonstige Güter, die zur Verfügung gestellt werden. Jeder, der irgendwie kann, versucht im Moment auch zu helfen und das ist wirklich wichtig.

Die Solidarität ist also auch in Südafrika voll da und es wird geholfen, wo geholfen werden kann.

Ja, von den Personen, die die Möglichkeit haben. Den Leuten in den Townships bleibt nichts anderes übrig – wenn es mit dem Essen oder dem Geld knapp wird, dann schauen sie sich nach Möglichkeiten um, wie man Geld machen kann. Deswegen gehen gewisse Leute noch immer arbeiten und suchen nach Arbeit, um irgendwie ein Einkommen zu generieren, um das dann für das Lebensnotwendigste zu verwenden.

In Südafrika gibt es ja öffentliche und private Krankenhäuser. Gibt es da möglicherweise schon Vereinbarungen für die Gesundheitsversorgung oder ist das jetzt noch immer strikt getrennt?

Es gibt ja nicht so ein „Health System“, wie wir es in Österreich kennen. Hier musst du privat versichert sein, um die Möglichkeit zu haben, in eines der privaten Krankenhäuser zu kommen. Ich weiß nicht, wie das jetzt im Moment gehandhabt wird. Meiner Meinung nach ist das noch immer aufrecht und man muss in ein „Governmental Hospital“, wenn man keine Versicherung hat. Jedoch ist das keine normale Situation und ich glaube es wäre, sollte sich das Virus wirklich weiterverbreiten, auch gar nicht mehr möglich, die Krankenhäuser voneinander zu trennen.

Glaubst du, kann man eine Überlastung der Krankenhäuser vermeiden?

Nein. Meiner Meinung ist das fast nicht möglich.

Das heißt, es ist alles sehr schwierig und enorm kritisch in Südafrika.

Ja, genau. Vor allem sieht man, wie Länder, deren „Health System“ wirklich gut ausgearbeitet ist, Schwierigkeiten haben, die Situation zu meistern. Südafrika ist in Afrika ein Land, wo das ganze System eigentlich gut ist. Jedoch kann mit der Situation kein Land umgehen und kein afrikanisches Land im Besonderen.

Die Flughäfen sind auch schon geschlossen worden. Ausreisen sind nur mehr möglich wenn diese über die Botschaften oder die Regierungen laufen. Hat es für dich Überlegungen gegeben nach Österreich zurückzukommen?

Absolut, ich habe mit dem Gedanken gespielt. Jedoch hatte ich wegen zwei Gründen keine Chance mehr dazu. Erstens haben wir noch einmal ein Mannschaftstraining gehabt und ich hab die Freigabe von meinem Klub nicht bekommen. Zudem hat das bei uns, weil Südafrika mit dem Virus doch vier bis acht Wochen hinten nach war, alles länger gedauert. Da hatte Österreich schon alles dicht gemacht. Und zweitens, meine Freundin ist aus Amerika und sie hätte natürlich nicht nach Österreich einreisen dürfen. Und so haben wir uns entschlossen, dass wir hier bleiben.

Ihr habt ein Mannschaftstraining gehabt. Wann war das letzte Training?

Das letzte Training war drei Tage vor dem Lockdown. Wir waren zuerst eine Woche freigestellt. Dann hat unser Klub ein ganzes Programm ausgearbeitet, das gut funktioniert hat. Alle Sicherheitsvorkehrungen wurden dabei getroffen, dass wir ja mit niemandem in Kontakt sind. Das ganze Training war sehr individualisiert. Das war aber vor dem Lockdown und als die Regierung den Lockdown angekündigt hat, hat sich das Training auch wieder erübrigt.

Wie läuft das Training jetzt ab? Habt ihr vom Verein ein Trainingsprogramm bekommen oder ist es derzeit eher auf ruhend gestellt.

Nein, wir haben unser Trainingsprogramm, das wir absolvieren müssen. Jedoch sind wir nicht wie Bayern München, dass jeder ein Fahrrad zu Hause stehen hat. Durch das, dass man die eigenen vier Wände nicht verlassen darf, erweist sich das als ziemlich schwierig. Ich habe ein bisschen Glück, ich habe in meinem Appartement-Komplex eine große Garage, die benutze ich jetzt zum Auf- und Ablaufen. Das sind circa 30 Meter und da mache ich meine Shuttle-Runs. Jedoch glaube ich nicht, dass all meine Mannschaftskollegen diesen Luxus haben und deswegen gehe ich auch davon aus, dass da sicher – bevor der Fußball wieder startet – Fitnesslücken entstehen werden. Weil das ganze Krafttraining und alles was man am Stand machen kann, ist dann doch limitiert. Besonders wenn es zum Konditionstraining kommt.

Wie haltet ihr in der Mannschaft Kontakt?

Das meiste passiert jetzt über Whatsapp und mit dem ein oder anderen, mit dem man mehr Kontakt hat, macht man natürlich Videochats. Wir sind jetzt circa eine Woche im Lockdown und es ist eigentlich noch nicht viel passiert. Auch nicht in unserer Whatsapp-Gruppe (lacht). Da habe fast ich das Eis brechen müssen, ob bei den Kollegen noch alles passt. 

Und passt alles?

Ja, es hat keiner irgendwas anderes gesagt, also gehe ich mal davon aus (lacht).

Ihr habt jetzt 23 Runden in der Liga gespielt. Weiß man schon von der Liga oder vom Verband, wie es hier weitergeht?

Soweit nicht, ich habe ein paar Informationen bekommen, dass sie gerne die Liga irgendwie zu Ende bringen wollen würden. Ich glaube aber, dass Südafrika das so handhaben wird, dass sie sich erstmal anschauen werden, was die ganzen Topligen der Welt machen, welche Möglichkeiten es gibt und dann eine Liga als Vorbild nehmen und dasselbe tun. Sie haben jetzt einmal angekündigt, dass sie bis zum 20. Juni die Liga fertigspielen wollen und ich glaube eine Option wäre, eine Spielstätte rauszupicken und alle Teams in die selbe Stadt zu bringen. Ob das wirklich möglich sein wird, sei jedoch dahingestellt.

Was wäre deine präferierte Lösung?

Meiner Meinung nach ist es ziemlich schwierig hinsichtlich Abstieg und Aufstieg. Für mich wäre es eine gute Option, dass die Liga so verbleiben soll, wie sie jetzt ist und dann startet man in die neue Saison. Die Top vier und die schlechtesten vier von der ersten und zweiten Liga sollen sich ganz am Anfang der Saison ein Playoff ausspielen, damit auch die Chance besteht, oben zu bleiben bzw. aufzusteigen. Das ist aber wirklich nur meine Meinung, also da muss keiner damit einverstanden sein. Ich weiß nur, dass es in Südafrika einen finanziellen Unterschied macht, ob man in der zweiten oder in der ersten Liga spielt. Es wurden doch 70 Prozent der Saison gespielt und das wäre dann irgendwie unfair, das einfach nichtig zu erklären.

Bzgl. der Young Bafana Academy. Wie lange habt ihr da Training gehabt und wie seid ihr dort mit der Situation umgegangen? Zur Erklärung du bist bei der Young Bafana Academy, das ist eine Akademie für junge Fußballer, als Individualtrainer im Einsatz.

Genau, Young Bafana war einer der Mitgründe warum ich mich entschieden habe nach Südafrika zu gehen. Das ist speziell für Kinder aus benachteiligten Hintergründen bzw. aus den Townships. Das ganze Programm ist ziemlich komplex, denn wir haben nicht nur Kinder aus den Townships, wir haben auch Kinder, die aus normalen Verhältnissen stammen. Bei denen ist es ganz schwierig, bei den Townships ist dieser Lockdown nicht wirklich einzuhalten und das heißt, wir haben auch einige Kinder, die auf unser Ernährungsprogramm angewiesen sind. Sie kriegen nach den Trainingseinheiten immer etwas zum Essen und in der schwierigen Phasen brauchen die das auch. Das heißt, bei uns findet ein bisschen Training statt, auch isoliert und in kleinen Gruppen. Das hat aber nur damit zu tun, dass wir die Unterstützung jetzt nicht abreißen lassen wollen. Ich persönlich kann im Moment leider nicht vorbeischauen und dabei sein, aber die Leute, die dort am Werk sind, machen echt großartige Arbeit.

Und das geht auch in Ordnung, wenn Training isoliert stattfindet?

Unter Umständen. Leider ist das hier alles nicht so durchführbar wie irgendwo anders. In den Townships bewegt sich jeder als wäre nichts gewesen, auch wenn das nicht richtig ist. Und da ist Young Bafana wie ein kleiner Zufluchtsort, speziell für die Kinder. Ich glaube, das ist eine kleine Grauzone, weil offiziell wäre das nicht erlaubt. Für das Wohlergehen der Kinder ist es auf alle Fälle besser, dass wir das kleine Risiko nehmen und als Young Bafana das so regeln.

Und wahrscheinlich ist es auch neben der Verpflegung und dem Training eine Ablenkung für die Kinder.

Absolut, absolut. Schon unter normalen Umständen, ohne das Virus, kommen viele von den Kindern aus wirklich schwierigen Verhältnissen und da ist das eine kleine Erlösung, wenn sie für ein paar Stunden aus ihrer normalen Umgebung ausbrechen. Das ist für sie, glaube ich, ziemlich wichtig.

Es ist natürlich schwierig einzuschätzen, aber wie glaubst du, geht es weiter? Machst du dir vielleicht sogar Sorgen?

Ja, natürlich. Speziell dadurch, dass die Leute nicht arbeiten gehen können und nachdem viele ja wenig bis nichts haben, auf das sie zurückgreifen können, ist es in Südafrika eine sehr prekäre Situation. Das ganze Militär hat 45.000 Leute beschäftigt, bei einer Population von 56 Millionen. Also das passt vorne und hinten nicht. Ich will mir gar nicht vorstellen, was rein theoretisch passieren könnte, wenn es wirklich zu extremen finanziellen Bedingungen kommt – speziell bei den armen Leuten. Deshalb glaub ich auch, dass das ganze Thema von der Regierung sehr sehr vorsichtig behandelt wird. Ich kann wirklich nicht prognostizieren, was sie jetzt machen. Auch wenn es in den Medien schon steht, dass auch bei uns der Lockdown verlängert wird. Ein paar Leute müssen auf jeden Fall zu Geld kommen bzw. irgendwie Geld machen. Sonst könnte die ganze Situation ein bisschen heikel werden.

Ich habe auch schon von Plünderungen von Supermärkten etc. gelesen. Es ist wahrscheinlich wirklich alles sehr schwierig.

Das Lustigste an der ganzen Geschichte war, dass ich mit meinem Papa noch am Tag zuvor darüber diskutiert habe, da hier auch der Alkoholverkauf abgestellt wurde. Ich habe das irgendwie schon kommen sehen, dass das irgendwie das größte Problem für viele darstellen wird. Da viele jetzt viel Zeit zu Hause verbringen, haben sie kein Geld gehabt, etwas einzukaufen. Es gibt halt extrem viele Personen in Südafrika, die abhängig von Alkohol und auch Drogen sind. Dann war der erste Plünderungsfall auf einen „Liquor Store“, weil hier in Südafrika bekommt man den Alkohol nicht in einem normalen Supermarkt. Hier gibt es eigene kleine Shops. Das war dann auch deren erstes Ziel und erstes Opfer.

Roland, vielen Dank für deine Zeit, vielen Dank fürs Dabeisein und ich wünsch dir noch alles Gute und bleib zu Hause, bleib gesund.

Danke vielmals, ich kann nur das selbe zurückgeben. Pass auf dich auf, bleib gesund und danke vielmals, das war eine wirklich gute Abwechslung zum Alltag.

 

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