Für Aleksandar Dragovic läuft es bei Bayer Leverkusen aktuell bestens. In den letzten spielen kommt der 29-Jährige wieder vermehrt zum Einsatz. Zudem steht er mit seiner Mannschaft vor dem Duell gegen den FC Bayern München an der Tabellenspitze. Wir haben mit ihm unter anderem über die aktuellen Corona-Maßnahmen, seine Rolle in Leverkusen und die aufkommende Kritik am Nationalteam gesprochen.

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12terMann.at: Hallo Aleks, danke für das Interview und deine Zeit!

Aleksandar Dragovic: Danke, dass ihr auch Zeit habt!

Aktuell herrscht aufgrund von Corona eine ziemliche Ausnahmesituation für Fans und Spieler. Wie geht es dir persönlich mit den COVID-Maßnahmen? Als Spitzensportler musst du sicher auch auf einiges verzichten, oder?

Grundsätzlich muss man sagen, dass wir privilegiert sind, unseren Beruf ausüben zu dürfen. Wenn ich mir die Gastronomie anschaue oder diejenigen, die im Homeoffice sind – für die ist es nicht einfach, quasi 24 Stunden zuhause zu sein und von dort aus arbeiten zu müssen. Deswegen beschweren wir uns auch gar nicht, weil wir wissen, wie glücklich wir uns schätzen können, dass wir jeden Tag trainieren und am Wochenende unsere Spiele machen dürfen. Natürlich haben dann auch unsere Fans oder die Leute, die zuhause sein müssen, etwas zum Mitfiebern. Aber es ist in der jetzigen Zeit sicher nicht einfach. Man muss generell aufpassen was man macht oder wohin man geht.

Wir werfen nun kurz einen Blick in die Vergangenheit. In Basel und Kiew hast du zu Beginn deiner Karriere einige Titel geholt und auch in der Champions League mehrere Einsätze gehabt. Was ist das Wichtigste, das du aus dieser Zeit mitgenommen hast?

In Basel habe ich das erste Mal so richtig gelernt, mit Druck umzugehen. Da warst du das FC Bayern von der Schweiz, mit den besten Fans, dem größten Stadion und der besten Mannschaft. Da habe ich vor allem gelernt, dass man jedes Spiel gewinnen muss – wobei es logisch ist, dass man nicht jede Partie gewinnen kann.
Und viele vergessen, dass ich auch in Kiew sehr erfolgreiche drei Jahre hatte. Wir sind Meister und Cupsieger geworden und in dieser Zeit haben wir durch harte Arbeit dann auch die jahrelange Nummer eins, Schachtar Donezk, abgelöst. Zudem haben wir in der Champions League sehr gute Spiele abgeliefert und das Achtelfinale erreicht (In der Saison 2015/16; Anm. d. Red.). In der Europa League sind wir ebenfalls weit gekommen. In der Saison 2014/15 sind wir erst im Viertelfinale gegen Fiorentina ausgeschieden. Das Wichtigste, das mir von der Zeit in Basel und Kiew hängen geblieben ist, war der Erfolgsdruck und wie man damit umgeht.

Im Jahr 2016 bist du nach Leverkusen gewechselt. Anfangs bei Bayer und während der Leihphase in Leicester (von Sommer 2017 bis Sommer 2018; Anm. d. Red.) warst du zum ersten Mal in deiner Karriere nicht unumstrittener Stammspieler. Wie bist du mit dieser Situation umgegangen?

Es war sicher nicht so, wie ich es mir erhofft habe. Meine Leistungen waren im ersten Jahr bis zum Winter in Ordnung, danach ist es aber bergab gegangen. Damals haben wir mit Leverkusen auch um den Abstieg gespielt, da die gesamte Mannschaft nicht die erhoffte Leistung gebracht hat. Rückblickend habe ich aus dieser Zeit viel mitgenommen, das gilt auch für meine Leihe nach Leicester. Vor allem, weil die Kultur in England komplett anders ist. Wie die trainieren, wie die denken, das ist im Vergleich zu den Deutschen komplett anders. Das kann man gar nicht in Worte fassen, weil das niemand glauben würde. Das muss man fast erleben, um zu sehen, wie das dort abläuft.
Ich war immer einer, der versucht hat, nicht zu jammern. Dennoch muss ich sagen, dass die letzten drei bis vier Jahre sicherlich nicht einfach waren. Wenn nach zwei, drei guten Spielen ein Schlechtes kam, war ich sofort mit sehr lauter Kritik konfrontiert. Es war nicht einfach damit umzugehen, aber auch diesbezüglich habe ich dazugelernt und mich weiterentwickelt. Das Business ist knallhart, man muss generell mit Kritik umgehen können, sonst wird es schwer, auf professionellem Niveau zu spielen.

Als Fußballer will man am besten in jedem Spiel auf dem Platz stehen. Umso frustrierender kann es ein, wenn man mehrere Spieltage hintereinander auf der Bank Platz nehmen muss. Nimmst du da die Unterstützung von einem Mentaltrainer oder Sportpsychologen wahr, wenn du dich mental in einer schwierigeren Situation befindest?

In erster Linie muss man immer an sich selbst glauben, auch wenn es nicht immer einfach ist. Man muss permanent an sich arbeiten, sich weiterentwickeln. Natürlich helfen dabei auch Sportpsychologen, die dir Mut zusprechen, dich mental aufbauen. Denn im Fußball geht es nicht nur ums Können, sondern auch stark um das Mindset. Wenn man mehrere Wochen nicht zum Einsatz kommt, kann man sehr leicht in ein Loch fallen und das sollte nicht passieren. Ich sage immer: wenn man hart arbeitet, dann kommt der Tag, an dem man seinen Einsatz bekommt. Da muss die Performance dann am Punkt sein, denn oft bekommst du keine zweite Chance. Ein Beispiel aus dem Spiel: wenn du einen Elfmeter in der 90. Spielminute bekommst, hast du nur diese eine Chance, die du unbedingt nutzen solltest. So musst du auch immer trainieren. Wenn der Tag kommt und dich der Trainer aufstellt, musst du nicht nur bereit, sondern voll da sein.

Kommen wir zu Leverkusen. Für Bayer läuft es momentan bestens. In der Bundesliga seid ihr Tabellenführer, auch in der Europa League und im Pokal bist du mit Bayer noch voll im Rennen. Ist die Chance auf einen Titelgewinn so groß wie lange nicht?

Wir sind gerade erst im Dezember, da muss man schon die Kirche im Dorf lassen. Natürlich müssen die Medien die Träume eines Titelgewinn ansprechen, aber wir schauen von Spiel zu Spiel. Wir wissen, dass wir eine sehr gute, hungrige Mannschaft haben. Aktuell bringt es aber nichts, von Titeln zu träumen. Natürlich wollen wir in allen Bewerben weit kommen und wir müssen uns auch hohe Ziele setzen, weil man sie sonst nie erreichen wird. Dennoch muss man immer von Spiel zu Spiel denken. Vor wenigen Tagen haben wir einmal das Derby gewonnen (4:0 gegen den 1. FC Köln, Anm. d. Red.), das enorm wichtig für die Fans war. Jetzt müssen wir uns voll auf Bayern München konzentrieren.
Man wird sehen was die Zukunft bringt, jetzt im Dezember schon von irgendwelchen Titeln zu reden, ist noch viel zu früh. Man sieht ja, wie eng es in der Tabelle ist. Es kann sich alles sehr schnell ändern weshalb man immer demütig bleiben muss.

Aktuell hast du dich unter Trainer Bosz in Leverkusen wieder in die erste Elf gespielt. Zu Beginn der Saison warst du nicht immer gesetzt. Was hat sich in der Zwischenzeit geändert?

Ich trainiere immer sehr hart, um dem Trainer die Wahl der Startaufstellung so schwer wie möglich zu machen. Natürlich war der Trainer durch Corona und die vielen Spiele auch dazu gezwungen, zu rotieren. Zum Glück konnte ich meine Chance nutzen und das Vertrauen rechtfertigen.Trotzdem es zuletzt sehr gut gelaufen ist, versuche ich aber immer am Boden zu bleiben. Im Fußball kann es schnell nach oben, aber genauso schnell auch nach unten gehen. Von dem her muss man in jedem Spiel 100 Prozent geben. Es kann wie gesagt sehr schnell gehen. Hätte man mir vor einem Monat gesagt, dass ich so viel spiele, hätte ich das sofort unterschrieben. Aber in einem Monat kann es wieder ganz anders ausschauen. Es kann sein, dass wir in der Tabelle beispielsweise auf Platz fünf abrutschen und keine Spiele mehr gewinnen. Deswegen muss jeder einzelne und die Mannschaft immer hart an sich arbeiten. Man darf sich nicht zurücklehnen, oder mit weniger zufrieden sein.

Im Winter galt ein Wechsel zu Roter Stern, neben der Austria einer deiner Herzensklubs, so gut wie fix. Aufgrund deiner guten Auftritte hat Sportchef Rolfes jedoch ein „Wechselverbot“ erteilt. Wie hast du darauf reagiert?

Ich habe einen Vertrag bei Bayer 04 und bin zu 100 Prozent auf Leverkusen fokussiert. Aber natürlich, zu Roter Stern besteht eine starke emotionale Verbindung. Der Opa ist glühender Roter Stern-Fan, ich bin mit dem Verein praktisch groß geworden und kann mir sehr gut vorstellen, eines Tages im Marakana (Spitzname des Stadions von Roter Stern; Anm. d. Red.) für Roter Stern zu spielen. Aber wie gesagt, grundsätzlich konzentriere ich mich auf das hier und jetzt, fokussiere ich mich aber auf den Verein, bei dem ich gerade tätig bin und das ist Bayer Leverkusen. Ich versuche hier weiterhin mein Bestes zu geben, um eine erfolgreiche Saison zu spielen.

Dein Vertrag in Leverkusen läuft kommenden Sommer aus. Gab es vielleicht sogar schon Gespräche über eine Verlängerung, suchst du dein Glück im Sommer woanders oder nimmst du es so, wie es kommt?

Ich nehme es einfach so, wie es kommt. Wir haben jetzt noch ein ganz wichtiges Spiel gegen Bayern München. Danach haben wir eine kurze Pause, ab 2. Jänner geht der Spielbetrieb wieder los. Aktuell fokussiere ich mich ganz auf heute und das Jetzt, das Vertragliche regelt mein Management. Ich bin da sehr gelassen. Das wichtigste ist, dass ich meine Leistungen bringe, alles andere kommt dann eh von allein.

Kommen wir zum Nationalteam. Im kommenden Jahr steht die Europameisterschaft an. Die EM 2016 in Frankreich verlief für dich persönlich mit dem Ausschluss gegen Ungarn und dem verschossenen Elfmeter gegen Island unglücklich. Hattest du lange damit zu kämpfen?

Also Party habe ich am nächsten Tag nicht gemacht, das liegt auf der Hand. Natürlich war ich frustriert und enttäuscht, aber jeder kann einen Elfmeter verschießen. Im Spiel zwischen Juventus und Atalanta am Mittwoch oder bei der Europameisterschaft hat Cristiano Ronaldo auch einen Elfmeter verschossen. Selbstverständlich war es in meinem Fall ein ungünstiger Zeitpunkt, aber so ist nun einmal der Fußball, er lebt auch von solchen Momenten. Die Mannschaft und ich selber haben uns bei der EM mehr erhofft, das ist keine Frage. Wir müssen die Lehren daraus ziehen und versuchen, es im kommenden Sommer – wie auch immer die EM stattfinden wird, das weiß momentan noch niemand – besser zu machen.

Gibt es da etwas Spezielles, was man im Vergleich zur EM in Frankreich besser machen muss?

Ich glaube bei der EM waren für das Ausscheiden mehrere Faktoren ausschlaggebend. 80 bis 90 Prozent der Mannschaft haben zum ersten Mal bei so einem Großereignis gespielt, dementsprechend groß war die Nervosität. Man muss versuchen, damit umzugehen und daraus zu lernen – es war ja, trotz des Ausscheidens, auch ein schönes Erlebnis.
Das in meinen Augen entscheidende ist, dass man das erste Spiel nicht verliert. Es sind wie gesagt viele kleine Punkte, die damals zusammengespielt haben. Wenn der David (Alaba; Anm. d. Red.) nach drei Minuten den Pfostenschuss reinmacht, führen wir 1:0 gegen Ungarn und ich bin davon überzeugt, dass es dann ganz anders verlaufen wäre. Aber es bringt nicht so viel, immer nach hinten zu schauen. Natürlich muss man die Fehler analysieren und die Lehren daraus ziehen, das haben wir auch gemacht – und wir versuchen es bei der kommenden EM besser zu machen. Aber die Konkurrenz schläft auch nicht, das ist klar. Im Fußball gibt es mittlerweile keine leichten Gegner mehr. Jeder ist taktisch sehr gut ausgebildet und kann über 90 Minuten voll marschieren. Von dem her muss man sich die kleinen Details anschauen, denn in diesen besteht  der Unterschied.

Vor kurzem wurde die WM-Qualifikations-Gruppe von Österreich ausgelost. Teamchef Franco Foda sprach dabei von einer ausgeglichenen Gruppe. In der Weltrangliste steht jedoch lediglich Dänemark vor Österreich. Stapelt man da nicht zu tief? Wie siehst du das?

Ich kann dem Teamchef eigentlich nur recht geben, die Gruppe ist sehr ausgeglichen. Für mich ist Dänemark der Favorit. Ihre Qualität und Klasse haben sie zuletzt ganz deutlich unter Beweis gestellt. Bei der vergangenen WM sind sie auch unglücklich ausgeschieden gegen Kroatien. Meiner Meinung nach waren sie das bessere Team. Von dem her ist Dänemark sicher ein Brocken. Sie haben nicht den Namen und den Ruf wie beispielsweise Frankreich, Deutschland, oder Spanien, aber sie sind definitiv nicht zu unterschätzen.
Bezüglich der anderen Gegner: es kann jeder gegen jeden gewinnen. Man hat ja auch gesehen, dass wir gegen Israel verloren haben. Von dem her müssen wir in jedem Spiel 100 Prozent geben. Auf der anderen Seite brauchen wir uns aber auch nicht kleiner machen als wir sind. Ich glaube, dass sich der eine oder andere Gegner ein leichteres Los gewünscht hätte als Österreich. Dennoch dürfen wir die WM-Qualifikation nicht auf die leichte Schulter nehmen, jeder kann gegen jeden gewinnen, es ist eine sehr ausgeglichene Gruppe. Deshalb gebe ich dem Teamchef recht.

Vor allem nach den Nations-League-Spielen gegen Nordirland und Norwegen kam ob der defensiven und ergebnisorientierten Spielweise Kritik am Nationalteam und Teamchef Foda auf. Wie stehst du als Spieler dazu?

Grundsätzlich wissen wir alle, dass wir besser spielen können und müssen, aber am Ende des Tages zählt, wie ich es vorher schon kurz erwähnt habe, nur Sieg oder Niederlage – weiterkommen oder nicht weiterkommen. Denn wir kriegen nicht mehr Punkte, wenn wir 8:0 gewinnen und noch dazu schönen Fußball spielen würden – am Ende stehen da auch nur drei Punkte. Natürlich ist es grundsätzlich unser Ziel, mit schönem Fußball die Leute in das Stadion zu bringen. Auf der anderen Seite wollen wir aber nicht in Schönheit sterben, deshalb sind die Punkte am wichtigsten, die wir ja auch geholt haben. Wir wissen aber auch, dass wir besser hätten spielen können, das stimmt schon.

Auch der fehlende Spielwitz wurde bemängelt. Inwiefern kann man als Innenverteidiger mithelfen, das Spiel zu gestalten und was wird von Teamchef Foda in Bezug auf den Spielaufbau verlangt?

Grundsätzlich versuchen wir den Plan vom Trainer umzusetzen und unser Bestes zu geben. Manchmal gelingt es besser, manchmal nicht, aber unterm Strich zählt nur Niederlage oder Sieg. Wie gesagt, es bringt nichts, wenn wir gut gespielt, dafür aber jedes Spiel verloren hätten. Von dem her spiele ich vielleicht lieber nicht so gut, hole dafür die Punkte und gewinne die Spiele. Es ist ein schmaler Grat und ich kann mich da nur wiederholen: am Ende des Tages zählen die Punkte.

Du hast vor ein paar Jahren einmal gesagt, dass Zlatan Ibrahimovic für dich der unangenehmste Gegenspieler war. Trifft das immer noch zu oder hast du in der Zwischenzeit gegen einen noch unangenehmeren Gegner gespielt?

Für mich war und bleibt Zlatan der Unangenehmste. Er ist eine Maschine. Wenn er mit dem Rücken zum Tor steht, sieht man den Ball fast gar nicht. Mit seiner Technik und Größe und vor allem physisch ist er brutal.Er ist ein überragender Spieler, man sieht ja auch, was er trotz seines Alters noch beim AC Milan zeigt. Das können nicht viele von sich behaupten.

Der schönste Moment in deiner Fußballkarriere war?

Das sage ich immer wieder: der schönste Tag war das Debüt mit Österreich gegen Serbien in Belgrad. Das hätte ich nicht schöner erwischen können und das wird solange ich lebe immer in meinen Erinnerungen bleiben.

Der negativste Moment in deiner Fußballkarriere war?

Es gibt sicher auch ein paar negative Momente, die erfährt jeder Sportler in seiner Karriere, weil es ja immer Aufs und Abs gibt. So ist es auch bei mir. Es gibt da schon ein paar Partien, die ich gerne vergessen würde, aber aus Niederlagen lernt man bekanntermaßen mehr als aus Siegen. Von dem her sind auch die Niederlagen oder die ganz schlechten Spiele in einer Art und Weise hilfreich.

Das schönste bzw. wichtigste Tor, das du geschossen hast, war?

Ich bin ja Verteidiger, also so viele Tore habe ich leider nicht gemacht. Was mir jetzt so spontan einfällt: das Siegtor gegen Bielefeld in der 88. Spielminute war für mich in letzter Zeit das wichtigste Tor.

Damit sagen wir danke für das Interview und wünschen dir alles Gute und noch viel Erfolg!

Super, auch von mir vielen Dank und alles Gute!