Als Philipp Lienhart 19 Jahre alt war, klopfte Real Madrid an der Tür des Niederösterreichers. Nach zwei Jahren bei den Galaktischen unterschrieb der Teamspieler beim SC Freiburg. Was auf den ersten Blick wie ein Abstieg wirkt, war für Lienhart der Beginn eines Erfolgslaufes. Im Interview mit 12terMann.at spricht er über Champions-League-Siege, hohe Ablösesummen und was man so alles von Zinedine Zidane lernen kann.


12terMann.at: Wie kam es zu dem Sprung von Rapid zu Real – was war dein erster Gedanke, als die Madrilenen an der Tür geklopft haben?

Philipp Lienhart: Real hat damals meinen Berater Walter Künzel kontaktiert. Und als dieser mich anrief und meinte, Real hätte Interesse, war mein erster Gedanke: ´Will er mich verarschen?´[lacht]. Aber es war natürlich riesig für mich, dass so ein großer Klub mich haben will. Ich habe mich dann sehr schnell für den Schritt nach Spanien entschieden.

Wie war die Zeit direkt nach deinem Wechsel – wie schwer fiel dir die Eingewöhnung in Madrid?

Das war ehrlich gesagt tatsächlich nicht so einfach. Ich war sehr jung, bin zuvor noch nie in Madrid gewesen und konnte auch die Sprache nicht. Zeitgleich mit mir wurde jedoch ein Holländer verpflichtet, mit dem konnte ich mich am Anfang gut auf Englisch austauschen, das hat mir geholfen. Real hat mir zudem einen Spanisch-Kurs vermittelt, von dort weg ging die Eingewöhnung immer besser und ich fühlte mich schnell sehr wohl.

Der Wechsel von Real Madrid zu Freiburg klingt auf den ersten Blick nach einem sportlichen Abstieg – ein Blick auf deine Statistiken beweist aber, dass das Engagement in Deutschland deinen Aufstieg so richtig einläutete. Kannst Du vielleicht ein bisschen etwas darüber erzählen, wie damals der Wechsel ablief, wie man als Spieler über einen solchen Schritt denkt?

Für mich war es der logische nächste Schritt. Bei Real trainierte ich zwar zunehmend bei den Profis, kam aber fast nur in der 2. Mannschaft zum Einsatz. So war der Sprung in die Bundesliga für mich ganz klar ein Aufstieg. Im Nachhinein bin ich froh über diesen Schritt und sehe ich ihn auch als absolut richtig an. Denn in Deutschland ist es mir gelungen, mich noch mal weiterzuentwickeln und mich in einer Top-Liga zu etablieren.

Als ich hörte Real will mich war mein erster Gedanke: ´Will er mich verarschen?`

In deiner Transfermarkt-Vita stehen auch zwei Champions-League-Siege, die Du jedoch ohne Einsatzzeit errungen hast. Mit Freiburg läuft die Saison derzeit mit dir als absoluten Leistungsträger gut – selbst ein Platz im internationalen Geschäft winkt. Was zählt da für dich persönlich mehr?

Die Erlebnisse bei beiden Klubs brachten viele wichtige Erfahrungen für mich. In Madrid bekam ich die Möglichkeit, mich in einem komplett anderen Land zu beweisen und mich persönlich weiterzuentwickeln. Außerdem konnte ich im Training von den besten Fußballern der Welt lernen. In Freiburg habe ich die Möglichkeit auf einem sehr hohen Niveau zu spielen. Es sind also beides Erfahrungen, die für mich viel Wert mit sich bringen.

Du durftest in deiner Karriere bereits zwei herausragende Trainer erleben. Zum einen den Fan-Liebling Christian Streich zum anderen das Mastermind Zinedine Zidane, wo unterscheiden sich die zwei – wie ticken die beiden?

Beide wollen ihre Spieler immer besser machen und von beiden kann man daher sehr viel lernen. Zidane ist am Spielfeldrand etwas ruhiger, Christian Streich ist aktiver an der Seitenlinie, will in den Spielen mehr coachen und der Mannschaft damit helfen. Es sind beide sehr gute Trainer, von denen ich viel mitgenommen habe.

Was hast Du von Zidane mitgenommen?

In Madrid habe ich mich auf jeder Ebene weiterentwickelt. Von Zidane habe ich zum Beispiel mitgenommen, dass man als Innenverteidiger ständig versuchen sollte, das Spiel schnell zu machen: Wenig Kontakte, scharfe Pässe – und damit schon von hinten heraus das Spiel antreiben. 

Du hast letztens in einem t-online-Interview sehr offen die ökonomischen und materiell-zentrierten Strukturen des Fußball-Geschäfts kritisiert, glaubst Du, dass Fußballer eine bestimmte soziale Verantwortung tragen?

Als Profi-Fußballer hat man eine große Reichweite und gilt vor allem für viele junge Menschen als Vorbild. Es ist wichtig, sich dieser Rolle bewusst zu sein und so aufzutreten, dass man diesen Erwartungen gerecht wird. Sei es auf dem Spielfeld, oder zum Beispiel bei Social Media.

Wie denkt man dann vor allem in dieser Zeit über den eigenen Verdienst nach – als Fußballer dürfte der Kontostand sicherlich akzeptabel sein.

Wir sollten alle sehr dankbar sein, dass wir in der Corona-Zeit unseren Job ausüben können – viele andere Menschen konnten oder können das nicht. Und natürlich bin ich mir bewusst, dass man im Fußball viel Geld verdient. Aber auch wir haben auf einen Teil unseres Gehalts verzichtet im Sinne des Gesamtvereins, der ja auch viele andere Mitarbeiter beschäftigt. Und ich bin immer offen für andere Möglichkeiten etwas zurückzugeben und zu helfen.

Als Profi-Fußballer hat man eine große Reichweite und gilt vor allem für viele junge Menschen als Vorbild

In welcher Form beispielsweise?

Indem ich zum Beispiel Geld für gewisse Projekte spende oder auch nur mal ein Trikot zur Verfügung stelle. So habe ich ja auch die 12terMann-Charity mit einem Trikot von mir unterstützt (grinst).

Vielen Dank dafür im Übrigen.

Gerne.

Ein Thema, das immer wieder aufkommt, sind hohe Transfersummen – glaubst du, dass es eine Möglichkeit gibt, hier als Fußballer einzugreifen?

Das ist schwierig. Derzeit ist der Markt nun mal so, und wir Fußballer legen ja nicht die Transfersummen fest. Doch hier könnte Corona zumindest eine Bremse sein, da Vereine aufgrund der schlechteren finanziellen Lage gezwungen werden, mehr über solche Ausgaben zu reflektieren.

Kommen wir zu einem anderen wichtigen Thema, dem Nationalteam und der EM. Gerade auf der Position des Innenverteidigers herrscht ein großer Konkurrenzkampf, wie sehr kreisen deine Gedanken schon über deine Beschäftigung im Sommer?

Natürlich denkt man schon darüber nach, aber noch geht die Saison einige Spiele und so lange liegt der Fokus auf der Liga. Mir ist bewusst, dass Österreich viele gute Innenverteidiger hat, aber ich weiß auch, dass ich bisher eine ziemlich gute Saison spiele. Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass ich bei der EM dabei bin, was ganz klar mein Ziel ist.

In letzter Zeit wurde das Nationalteam aufgrund der mauen Spielweise oft kritisiert, wie stehst Du zu dieser Kritik?

Am wichtigsten ist zunächst mal, dass wir viele Spiele gewonnen haben. Zudem ist es nicht immer einfach, spielerische Lösungen zu finden, wenn die Gegner tief stehen. Wir versuchen aber stetig, weiter an uns zu arbeiten, um hier besser zu werden.

Wo kann hier angesetzt werden, um besser und kreativer zu werden?

In der Nationalmannschaft ist es immer etwas schwierig, da man nicht viele Trainings gemeinsam hat, um Abläufe zu verbessern. Aber auch aufgrund der individuellen Klasse von vielen Spielern bin ich zuversichtlich, dass wir uns da weiterentwickeln.

Die Europameisterschaft dürfte dennoch von der Pandemie überschattet werden, so wie auch die ganze Saison, allem Anschein nach wird eine Lösung ohne Fans aber trotzdem in zwölf Ländern angedacht – ein verständlicher Schritt?

Dass wohl leider keine Fans aus den verschiedenen Ländern dabei sein können, ist in der Lage schon verständlich. Ob das Festhalten an der Austragung in zwölf Ländern das richtige ist, wage ich zu bezweifeln. Eine Lösung in einem oder zwei Ländern würde auch den Spielern mehr Sicherheit geben mit Blick auf das Rumgereise.

Erlaubt das Dasein als Profisportler Angst zu haben?

Von Deutschland kann ich sagen, dass die DFL mit dem Hygienekonzept sehr viel richtig gemacht hat. Ich fühle mich hier sehr sicher. Was die Euro angeht, würde ich es nicht optimal finden, wenn man in verschiedene Länder fliegt – auch hinsichtlich der Rolle als Vorbild.

Ob das Festhalten an der Austragung in zwölf Ländern das richtige ist, wage ich zu bezweifeln

Abgesehen von Corona – was muss geschehen, dass Österreich im Sommer ein fußballerisches Sommermärchen erlebt – was ist für Euch drinnen?

Wie viel genau, das wird sich zeigen – aber wir können auf jeden Fall ein richtig gutes Turnier spielen.

Abschlussfrage vor dem Wordrap: Du bist jetzt 24 warst schon bei Real Madrid und mischt jetzt die Deutsche Bundesliga mit einem etwas kleineren Klub auf. Ein Karriereende liegt hoffentlich noch in weiter Ferne, was soll bis dahin noch in deiner Transfermarkt-Bio eingetragen werden, vielleicht ein dritter Champions-League-Sieg?

[lacht] Das wäre natürlich ein Traum, aber das ist noch weit weg. Aktuell ist es mein Ziel, weiter konstant für Freiburg Leistung zu bringen und dann bei der EM dabei zu sein. Irgendwann will ich gern auch mal international mit einem Klub spielen, aber ich denke generell nicht zu sehr an die Zukunft. Ich will mich einfach von Tag zu Tag weiterentwickeln – alles andere kommt dann schon von allein.

Philipp Lienhart im Wordrap zum Anhören: