Seit einem Jahr hat Oliver Glasner die Zügel beim VfL Wolfsburg in der Hand. Im Gespräch mit 12terMann.at erzählt der ehemalige LASK-Trainer über seine Erfahrungen in der Autostadt, den Leistungsunterschied zwischen der Österreichischen und der Deutschen Bundesliga sowie die herausfordernde Corona-Situation.


12terMann.at: Eine turbulente und kuriose Saison liegt hinter uns ,wie sieht ihr Fazit nach der Corona-Spielzeit aus?

Oliver Glasner: Es war definitiv eine sehr große Herausforderung für alle Beteiligten. Bei uns im Klub haben sich alle an die Regeln gehalten – um ein Beispiel zu nennen: im Trainingsgelände sind alle Türen immer offen-gestanden, sodass wir keine Türklinken berühren mussten. 

Organisatorisch war es indes schwierig. Man hat die Planung alle zwei bis drei Tage über den Haufen schmeißen können, weil sich immer was geändert hat.

Und auch privat hat sich für mich selbstverständlich etwas geändert. Bevor die Grenzen geschlossen wurden, ist meine Familie nach Wolfsburg gekommen und wir konnten drei Wochen miteinander verbringen, danach mussten sie jedoch für zwei Wochen in Quarantäne in Österreich.

Wie war die Arbeit mit den Spielern während dieser Zeit?

Ab der zweiten Woche wurden wieder Kleingruppentrainings erlaubt, die haben wir vermehrt im Fitnessraum abgehalten. Jede Gruppe bekam einen Trainer zugewiesen und ich fungierte als Springer und habe alle Gruppen einmal besucht. Danach haben wir Videos von den Trainingseinheiten an die Spieler geschickt und diese über Videocall besprochen. Organisatorisch lief das so ab, dass alle Gruppen eine eigene Kabine hatten und nie miteinander in Berührung kamen.

 

Es war Ihre erste Saison an der Seitenlinie vom VfL Wolfsburg, wie haben Sie sich in der Deutschen Bundesliga eingelebt? Was sind die Eindrücke, die Sie mitnehmen konnten?

Es war eine erfolgreiche Saison, wir haben es zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte geschafft einen Europacup-Platz zu verteidigen. Auch, wenn wir noch in die Qualifikation müssen, sind wir sehr zufrieden. Die größten Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland sind sicherlich die Aufmerksamkeit, sowie die Qualität der Spiele und Spieler. In Deutschland kann ich zudem kaum wo hingehen, ohne erkannt zu werden – da war ich in Österreich anonymer. 

Stört Sie das oder bereitet das Ihnen zusätzlichen Druck?

Nein, der Druck kommt, wenn nur von mir selbst und die Berichterstattung ist einfach ein Nebeneffekt. Wenn ich mit meiner Familie essen bin und angesprochen werde, denke ich mir manchmal „muss das jetzt sein“, aber das gehört eben zum Geschäft. Zudem muss ich sagen, dass die Menschen in Deutschland sehr freundlich und überhaupt nicht aufdringlich sind.

Jetzt sind Sie neben Marco Rose und Adi Hütter der dritte Trainer mit Österreich-Vergangenheit bzw. Österreich-Bezug. Auf was lässt sich das Ihrer Meinung nach zurückführen, dass es in den letzten Jahren immer mehr Spielern und Trainern gelingt direkt von der Österreichischen Bundesliga zu deutschen Topklubs zu springen? 

Da spielen mehrere Sachen eine Rolle. Ein großer Bestandteil ist natürlich die gemeinsame Sprache. Der andere Punkt ist, dass österreichische Vereine zuletzt für Aufsehen sorgten, damit meine ich nicht nur Salzburg, sondern auch Rapid und LASK, die in der Europa-League auch erfolgreich waren. Im internationalen Vergleich ist die Österreichische Bundesliga bestenfalls Durchschnitt, da wird das schon bemerkt, wenn Klubs mit guten Spielern und Trainern international auf sich aufmerksam machen.

Bis Spieltag neun waren Sie mit Wolfsburg sogar auf Champions-League-Kurs, herrscht am Ende so etwas wie Enttäuschung, das es „nur“ Platz 7 und damit guter Durchschnitt wurde?

Nein gar nicht, wir sind absolut zufrieden. Immerhin ist die Deutsche Bundesliga sehr ausgeglichen, das unterscheidet sie nochmal von der österreichischen. Die Leistungsdichte ist sehr hoch und  man braucht am Ende  perfekte Tage um gegen Teams wie Dortmund, Bayern oder Leipzig zu punkten. 

Jetzt haben Sie unlängst nach der Fixierung des internationalen Geschäfts davon gesprochen, dass der Erfolg nicht an Ihnen als Trainer liegt. Sind Sie da nicht zu bescheiden, immerhin spielte der VfL vor zwei Jahren noch Relegation gegen den Abstieg, nun sind Sie in Europa angekommen – da muss auch der Trainer was richtig gemacht haben?

Ich bin einfach der Meinung, dass du nur gemeinsam Erfolg haben kannst. Es hilft nichts, wenn ich eine Idee habe und ich diese der Mannschaft nicht vermitteln kann. Ich muss, als Trainer dafür sorgen die Spieler mitzunehmen und zu motivieren. Man hat als Trainer einen Einfluss aber am Ende liegt es bei den Spielern, ob sich der Erfolg einstellt oder nicht.

Ich habe bei meiner Recherche für dieses Interview ein Statement von Ihnen gefunden, wo Sie meinten, dass Sie trotz eines Sieges gegen Augsburg „laut werden musste“ – wie viel Perfektionist steckt in Ihnen und muss man als Bundesligatrainer einer sein? 

In mir steckt sehr viel Perfektionismus, wenn nicht sogar zu viel. Ich lege sehr viel Wert auf Details. Da kann es sein, dass ich Spieler überfordere, aber ich verlange, dass alle Spieler im Training ihr Bestes geben und damals hatte ich das Gefühl bekommen, dass da nachgelassen wird und da hab´ ich laut werden müssen.

Ihr Ex-Klub LASK hat in der aktuellen Spielzeit in positiver und negativer Hinsicht für Schlagzeilen gesorgt. Wie beurteilen Sie speziell den „Trainingsskandal“?

Dazu möchte ich mich nicht äußern. Der LASK hat die Strafe akzeptiert und damit ist das Kapitel beendet.

Während der Corona-Pause haben Sie sowie Spieler und Funktionäre vom VfL auf ihr Gehalt verzichtet. Was war der Beweggrund, nimmt man so etwas als Pflicht wahr oder wurde herumdiskutiert?

Wir haben uns gemeinsam als Verein dazu entschlossen, nicht zuletzt, weil auch die Mitarbeiter in den Volkswagen Werken in Kurzarbeit waren.

Jetzt könnte man sagen, Leid gibt es auf der Welt auch, wenn gerade kein Corona herrscht, halten Sie generell Fußballstars für überbezahlt?

Ich bin der Meinung, dass der Markt den Preis vorgibt. Das ist in jeder Branche so. Wo man außergewöhnlich gut ist, bekommt man mehr Geld. Firmen bezahlen zudem nur einen hohen Verdienst, wenn sie daran glauben, dass er erwirtschaftet werden kann. In Deutschland  arbeiten die Fußballvereine, die zudem Unternehmen sind und auch Steuern bezahlen, sehr gut und verantwortungsvoll.

Die Saison ist noch nicht vorbei, immerhin gibt´s im Sommer noch das Abenteuer Europa League. Wie läuft die Vorbereitung für diesen Bewerb?

Das war die nächste große Herausforderung. Gleich nach der Europa League soll die Liga auch wieder starten. Wir haben daher lange überlegt und  diskutiert, aber wir haben uns dazu entschieden, unseren Spielern mehrere Wochen frei zugeben und uns folglich nur zwei Wochen intensiv auf das Donezk-Spiel vorzubereiten. Das soll zum einen körperlich als auch mental den Spielern helfen, sich zu regenerieren.

Gehen wir kurz weg vom erfolgreichen Herrenfußball und wenden uns den, in Wolfsburg, sehr erfolgreichen Damenfußball zu. Was kann die Herrenmannschaft vom VfL Wolfsburg von der Damen Mannschaft des VfLs lernen?

Das kann man glaube ich nicht vergleichen. Ich habe tiefsten Respekt von der Leistung unserer Frauenmannschaft, die in der Liga eine klare Dominanz ausstrahlt, weil dementsprechend gut und professionell gearbeitet wird.

Wolfsburg war 2009 zuletzt deutscher Meister, die Folgejahren waren eher eine sportliche Talfahrt jetzt geht es wieder bergauf – Ihr Vertrag läuft bis 2022, gibt es ein klares Ziel, das bis dahin erreicht werden sollte?

Ich glaube, dass ist zu früh sich solchen Zielen hinzugeben. Bayern wurde in den letzten acht Jahren stets Meister, da wäre das illusorisch zu sagen nur, weil wir vor elf Jahren mal Meister waren, müssen wir da hin. Aber wir arbeiten selbstverständlich stetig an uns und wollen uns verbessern. Die Bayern sind jedoch derzeit ein Garant für Titel, an die niemand herankommt, auch nicht Leipzig und der BVB.