Marco Friedl hat ein bewegtes Jahr hinter sich. Sowohl im Dress von SV Werder Bremen als auch beim U21- oder A-Nationalteam geschah im Laufe der letzten 12 Monate viel Berichtenswertes im Leben des 22-jährigen Tirolers. Im ausführlichen Interview mit 12terMann, gibt er Einblicke in die turbulente Saison.


Wie gefällt es dir in Tirol (Zillertal) auf Trainingslager zu sein?

Es ist immer was Besonderes einmal im Jahr hier zu sein. Zudem ist man nicht weit von zu Hause entfernt, genauso von der Familie und den Freunden.

Fällt es dir leichter, die eine oder andere Konditionseinheit in der Heimat zu absolvieren?

Natürlich ist es schön bei den intensiveren Einheiten, die Berge zu sehen, anstatt diese in Bremen zu absolvieren. Ich genieße das Ambiente auch und ja man könnte sagen, dass mir die Konditionseinheiten ein bisschen leichter fallen.

Hast du deinen Teamkollegen etwas über Tirol beigebracht, Stichwort: Bist ein Tiroler, bist ein Mensch?

Ja, schon. Die finden es sehr belustigend, wenn ich den tirolerischen Dialekt auspacke. Leider verstehen ihn nur die wenigsten. Deswegen muss ich mich da sprachlich anpassen. Hin und wieder kommt er aber ganz ungewollt raus und die Spieler genießen es.

Du lebst jetzt seit zweieinhalb Jahren in Bremen. Wie lebt es sich im hohen Norden?

Ja, sehr gut sogar. Die Leute in der Stadt, im Verein sind alle sehr freundlich zu mir. Man wird dort von den Leuten sehr geschätzt. Anfangs war es jedoch schwierig, da ich als junger Spieler sehr weit weg von zu Hause, Familie und den Freunden war. Das Einleben hat ein wenig gedauert, aber jetzt kann ich sagen, dass ich mich wohlfühle. Im Endeffekt bin ich froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe.

Da wir gerade über Freunde sprechen: Auf den sozialen Medien bemerkt man, dass du dich mit dem David Alaba sehr gut verstehst. Ist er nur ein Freund oder auch ein Mentor für dich?

Ich kenne den David schon seit mittlerweile zehn Jahren und hatte in ihm einen Freund, mit dem ich mich immer sehr gut verstanden habe. Umso besser, wenn es dann einer der besten Fußballer ist, der deinen Beruf kennt und auch mit positiven Beispiel voran geht. Somit könnte hier Mentor gut dazu passen. Wir telefonieren weiterhin sehr oft und tauschen uns immer über Fußball und das Leben aus, zuletzt auch gestern. Wenn es geht, verbringt wir auch sehr gerne Zeit miteinander.

Wie ist die Stimmung innerhalb der Mannschaft in Tirol?

Man spürt hier deutlich die Erleichterung, nachdem wir in der abgelaufenen Saison am Ende noch die Klasse gehalten haben. Innerhalb der Mannschaft tauscht man sich dann über das letzte Jahr und das kommende Jahr aus. So eine miserable Saison wie die letzte soll verhindert werden. Wir arbeiten auch sehr akribisch dafür, um für den Start der Saison bereit zu sein.

Die Zielsetzung des Verein im Sommer des letzten Jahres war es die Qualifikation für die UEFA Europa League zu schaffen. War das Ziel zu hochgesteckt?

So einfach kann man das nicht sagen. Im Jahr davor haben wir die UEFA Europa League um einen Punkt verpasst. Wir haben mit Max Kruse dann auch nur einen wichtigen Spieler verloren, weswegen es das logische Ziel war. Jedoch hatten wir im Laufe der Saison sehr viele Verletzte und konnten daher auch selten mit der gleichen Mannschaft spielen. Zudem haben wir dann die Punkte gegen vermeintlich schwächere Gegner nicht eingefahren und sind dann so in den Abstiegs-Strudel rein geschlittert. Wenn du dann da dabei bist, ist es schwer wieder rauszukommen. Bislang haben wir für diese Saison noch kein Ziel ausgegeben. Jedoch ist es klar, dass diese Saison besser werden muss als die letzte.

Welche Punkte waren deiner Meinung nach ausschlaggebend, dass ihr nicht mehrere Spiele hintereinander gewinnen konntet?

Hier fallen mir zwei Punkte im Besonderen ein: Der erste wäre unsere Anfälligkeit bei Standards. Wir haben vor der Corona-Pause sehr viele Standard-Tore kassiert. Hier bezüglich arbeiten wir intensiv daran, um das nicht wiedergeschehen zu lassen. Der zweite Punkt sind die Tore in der Nachspielzeit. Beim Heimspiel gegen den SC Freiburg waren wir über das Match gesehen besser und hätten auch gewinnen müssen. Jedoch haben wir sehr spät das 2:2 eingeschenkt bekommen. Besonders in der deutschen Bundesliga musst du immer wachsam sein, denn du kannst nahezu jederzeit ein Tor kassieren. Diese Unachtsamkeit hat uns im letzten Jahr sehr oft das Genick gebrochen.

Tore in der Nachspielzeit ist ein gutes Stichwort. Häufig bekommen Mannschaften diese sehr oft, wenn sie konditionell gesehen nicht für 90 Minuten bereit sind. War die physische Bereitschaft bei euch nicht gegeben?

Über lange Phasen der Saison hin waren wir bei den Bundesligaspielen gerade zum Ende hin nicht mehr kraftvoll genug. Das lag vor allem daran, dass viele Spieler lange verletzt waren und erst wieder an das Fitnessniveau hergeführt werden mussten. In der Corona-Zeit haben wir dann versucht diesen Rückstand aufzuholen. Nach Corona haben wir uns in diesem Bereich deutlich verbessert und auch ein oder das andere knappe Spiel für uns entschieden, z.B. beim Auswärtsspiel bei Freiburg. Auch wenn es kein schönes Spiel haben wir die drei Punkte eingesackt.

Trotz der vielen Niederlagen und dem permanenten Abstiegskampf durfte Florian Kohfeldt als Trainer im Amt bleiben, während andere Übungsleiter nach paar verlorenen Spielen gehen mussten. Wie wirkte diese Entscheidung auf dich und deine Kollegen ein?

Der Verein hat das klar ausgegeben, dass an Florian bedingungslos festgehalten wird. Zum Ende der Saison hin, war es auch dann richtig, denn die Verantwortlichen haben so immer die nötige Ruhe ausgestrahlt, damit wir uns auf die Spiele konzentrieren konnten. Als Spieler selbst bekommst du hier ein besseres Gefühl, wenn du hier auch die Klarheit hast. Sein klarer Plan hat uns trotz der schwierigen Saison dann geholfen, erstklassig zu bleiben.

Er scheint sich auch mit den Spielern gut zu verstehen und auch eine Art freundschaftliche Beziehung mit euch zu pflegen. Fehlt hier manchmal die Distanz, die ein Trainer zu seinen Spielern wahren sollte?

Nein. Aber abseits des Platzes nach dem Training oder dem Spiel ist unser Trainer hin und wieder für einen Spaß zu haben. Das finde ich absolut richtig. Am Trainingsplatz gibt dir schon zu verstehen, dass er hier der Chef ist. Wenn es nötig ist, kann es hier auch knallen. Nach der Corona-Pause ist er ein wenig auf Abstand zu den Spielern gegangen und hat sich vollkommen auf die Situation fokussiert, was dann auch gefruchtet hat.

Wie geht es dir als Spieler vom psychischen Aspekt her, wenn du permanent in einer Drucksituation bist?

Auf jeden Fall war es das schwierigste Jahr meiner Karriere, auch wenn ich bisher die meisten Spiele gemacht habe. Hier haben die kapitalen Eigenfehler unserer Mannschaft, die zu einer Niederlage geführt haben, mir oft sehr stark zugesetzt. Du denkst von Woche zu Woche immer mehr und mehr über die Lage und verbringst auch mehrere Nächte schlaflos. „Was passiert, wenn“-Gedanken gehen dir permanent durch den Kopf und lassen dich nicht abschalten. Im Endeffekt hat es mich mental stärker gemacht und es motiviert uns alle, so eine Belastung nicht mehr erfahren zu müssen.

In deinen ersten eineinhalb Jahren bist du nur auf 16 Bundesligaspiele gekommen. Warum hast du keinen Gedanken an einen frühzeitigen Abschied verschwendet?

Weil ich mir selbst vorgenommen habe, mich in Bremen als Stammspieler durchzusetzen und nicht aufzugeben, bis ich dieses Ziel erreicht habe. In dieser Zeit hat der Trainer viel mit mir geredet und mir angewiesen Geduld zu haben. Denn der Verein wollte mich unbedingt als Bundesligaspieler aufbauen. Es ist selbstverständlich, dass ich nicht mit den fehlenden Einsätzen zufrieden und glücklich war. Ich habe mir dann immer gesagt, dass ich meine Chance nutzen will, wenn sie kommt. Im letzten Jahr habe ich sie bekommen und habe mich dadurch als Spieler weiterentwickelt. Besonders hat mich gefreut, dass ich dem Trainer das Vertrauen zurückschenken konnte.

Was sind die Ziele für deine Nationalmannschaftskarriere?

Mein Ziel ist es in der Nationalmannschaft langfristig gesehen zu spielen. Dies geschieht aber nur, wenn ich mich auf die Leistung im Verein konzentriere. Hierauf lege ich momentan den größten Fokus. Die Entscheidung obliegt dann dem Teamchef, ob er mich einlädt oder nicht.

Du warst bereits zweimal im Kader des A-Teams. Wie war das Gefühl für dich?

Ein sehr schönes Gefühl bei den Trainings und bei dem Spiel dabei zu sein. Ich möchte in der Zukunft auch auf meine ersten Einsätze kommen und hier ein fixer Bestandteil werden.

Gibt es bezüglich eines baldigen Einsatzes für das Nationalteam eine rege Kommunikation zwischen dir und Franco Foda?

Als ich das letzte Mal im Kader bei der A-Nationalmannschaft dabei war, haben wir viel über verschiedene Themen gesprochen. Beispielsweise auch über die U21-EM, für die wir uns auch noch qualifizieren möchten.

Ist die EM 2021 ein Ziel für dich?

Es wäre ein großartiges Erlebnis im Kader bei der Europameisterschaft dabei zu sein. Es ist jedoch noch ein Jahr hin. Deswegen liegt der Fokus auf meinen Leistungen bei Werder Bremen. Die U21-EM im nächsten Jahr wäre aber genauso ein Großereignis, bei dem ich sehr gerne dabei wäre.

(Interview wurde am 22. August 2020 geführt)

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