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Der letzte Ball – Interview mit Autor Konstantin Josuttis

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 rückt immer näher. Das Turnier ist schon vor dem Beginn von vielen Kontroversen und Vorwürfen überschattet. Die undurchsichtige Vergabe nach Katar, die Berichte über Missstände auf den Stadion-Baustellen und vieles mehr werfen viele Fragen auf. Da ist die Tatsache, das die Endrunde in der Vorweihnachtszeit stattfindet noch das geringste Übel. Auch bei der ersten Weltmeisterschaft im Jahr 1930 lief nicht alles nach Plan. Autor Konstantin Josuttis greift dieses Turnier, oder besser gesagt die Anreise zu diesem, in seinem Buch „Der letzte Ball“ als Rahmen für eine spannende Handlung auf. Wir haben uns mit dem Autor über sein Buch, den Fußball und die WM in Katar unterhalten. 

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Hallo Herr Josuttis, danke dass Sie sich für ein Interview mit 12terMann.at Zeit nehmen. In wenigen Wochen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Starten wir gleich mit der Millionenfrage: Wer wird Weltmeister?

Oje, das ist schon einmal eine Frage, die ich Ihnen nicht beantworten kann. Ich könnte hier ein paar übliche Verdächtige nennen. Aber momentan habe ich keine Ahnung, wer wie gut ist. 

 

Wie ist ihr Bezug zum Fußball? Drücken Sie einem Verein ganz besonders die Daumen? 

Wie bei vielen anderen, bin ich über meinen Vater zum Fußball gekommen. Ab und zu durfte ich mit zum örtlichen Verein: Göttingen 05. Die haben es bis in die zweite Liga geschafft. Stadienbesuche waren für mich faszinierend. Die üblichen Regeln des guten Benehmens waren dort durchbrochen. Mein Vater, ein angesehener Theologe, hat geschimpft und unflätige Sachen in Richtung Schiedsrichter gerufen. Das fand ich super. 

Als ich nach Freiburg gekommen bin, spielte der SC noch in der 2. Liga – dort aber einen wunderbaren Fußball. Seitdem bin ich absoluter Fan. Ich bilde mir ja auch ein, dass wir zu den „Guten“ gehören und das ist, so glaube ich, auch in gewissem Maße so. Tja, und dann haben wir diesen abgefahren fantastischen Trainer, Christian Streich. Ich habe ihn zwei drei Male live und aus der Nähe erlebt. Er ist wirklich Wahnsinn. Ich möchte das auch nicht unnötig überhöhen, aber solche Figuren sieht man im Fußball-Business nicht allzu oft.

 

Kommen wir zu Ihrem Buch „Der letzte Ball“. Was hat sie inspiriert, dieses Buch zu schreiben?

Das war, ehrlich gesagt, ein Artikel in einer Fußballzeitschrift. Ich hatte gerade meine Fußball-Kurzgeschichten-Sammlung veröffentlicht und suchte nach einem neuen Thema. Dann las ich diesen Bericht über diese aus heutiger Sicht verrückte Schiffsreise nach Uruguay. Und irgendwie kam mir die Idee, in diese Überfahrt einen Mord zu integrieren. Am Ende wurden es ein paar mehr Morde.

 

In Ihrem Buch ist eine erfundene Handlung in einen real stattgefundenen Rahmen eingebettet. Also die fiktiven Mordfälle, die sich auf der tatsächlich stattgefundenen Schiffspassage zur WM 1930 ereignen. Wie schwierig ist es, hier die Kombination zu schaffen?

Das war schon ganz schön schwierig. Ich musste ständig abwägen, kombinieren und die beiden Ebenen so balancieren, dass sie zusammenpassen. Ein Beispiel: Zuerst wollte ich, dass die Opfer auch reale Spieler waren. Also recherchierte ich, ob es in der belgischen, französischen, rumänischen oder brasilianischen Mannschaft Spieler gab, die dann irgendwann zu der Zeit gestorben waren. Bald war klar, dass das zum einen ein wahnwitziger Gedanke war und zum anderen auch diesen Spielern nicht gerecht würde. Das war eben das größte Problem – den echten Personen nicht die Würde zu nehmen, auch posthum. 

Ein anderes Problem war aber auch die Fahrzeit der Conte Verde. Das Schiff war 16 Tage unterwegs, verbrachte aber alleine die ersten 4 Tage im Mittelmeerraum – ein vergleichsweise kleiner Streckenabschnitt. Ich habe hin- und her gerätselt, wie die Überfahrt dann in wenigen Tagen über den Atlantik gelingen konnte. Also habe ich zum Beispiel Lissabon als Halt einfach weggelassen. 

Irgendwann habe ich für mich die Entscheidung getroffen, dass die Fakten nicht einer guten Geschichte im Wege stehen sollten und mir die Freiheit erlaubt, ein paar Dinge zu verändern. Das war tatsächlich befreiend. 

 

Wie hat sich die Recherche gestaltet? Sie mussten sich immerhin an gewisse historische Fakten halten.

Ich habe insgesamt vier Jahre an dem Buch geschrieben. Das erste Jahr habe ich nur recherchiert. Das war für mich Neuland und ganz am Anfang abschreckend. Irgendwann aber habe ich richtig Gefallen daran gefunden. Hier hat die heutige Nutzung von Onlinemedien doch auch Vorteile. Ich konnte in diese ganz andere Welt von 1930 eintauchen mit Hilfe von Büchern und Fotos. Besonders von Fotos habe ich mich inspirieren lassen und da gab es ja für die Schiffsreise schon etliche. Man kommt irgendwann vom Hölzchen zum Stöckchen und kann sich da vollkommen drin verlieren, aber wie gesagt, es hat auch Spaß gemacht. Alleine das Eintauchen in die Welt von Arthur Conan Doyle, oder in die historischen gesellschaftspolitischen Zusammenhänge von damals. Ich habe viele Parallelen zur heutigen Zeit gefunden. Dann war da noch das Schiff – die Conte Verde. Die Handlung spielt zu 70% auf diesem Schiff. Das heißt, ich musste mich irgendwie schlau machen, wie dieser Luxusdampfer überhaupt aufgebaut war. Zu meinem Glück fand ich im Internet einen Amerikaner, der die Deckpläne des Schwesternschiffs, der Conte Rosso, auf einer Auktionsplattform verkaufte. Das war wie Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig. Nun hatte ich einen genauen Überblick darüber, wer wo welche Quartiere hatte, wo Speiseräume, Bibliothek, 1. Klasse-Kabinen, etc. waren. 

Irgendwann habe ich über Twitter auch jemanden gefunden, der unendlich viel Material zu fußballerischem Wissen dieser Zeit hatte – z.B. die Aufzeichnungen von Jules Rimet oder das Tagebuch von Jean Langenus. 

Die Fakten sind immer die eine Seite. Für mich ist es aber fast noch wichtiger ein Gefühl für diese Zeit zu bekommen. 

 

Bei der ersten Weltmeisterschaft 1930 gab es einige Kuriositäten. So wusste man z.B. bei der Überfahrt von Europa nach Uruguay noch nicht, wie viele Teams wirklich teilnehmen und hat noch am Schiff am Turniermodus gebastelt. Sind Sie noch auf weitere skurrile Fakten gestoßen?

Wirklich viele. Zum Beispiel, dass die Mutter des Kapitäns der rumänischen Mannschaft mit dem tollen Namen „Alfred Eisenbeisser“ diesen nach der WM für tot hielt, weil es so lange dauerte, bis er wieder zuhause ankam. Es gab eben keine Handys und noch nicht einmal Telefon in normalen Haushalten. Ein anderer lustiger Fakt ist, dass irgendwann tatsächlich keine Bälle mehr an Bord waren, worauf sich auch der Titel des Buchs bezieht. Und die Spieler müssen über alle Maßen gefressen haben – kein Wunder, sie waren in der Luxusklasse und konnten an Bord kaum trainieren. Das heißt, alle sind mit ein paar Pfunden zu viel in Südamerika angekommen. Schließlich noch die Geschichte des Endspiels, bei dem der belgische Schiedsrichter Jean Langenus die Zuschauer anhalten muss, Schusswaffen abzugeben. Viele Dinge sind heute kaum mehr vorstellbar.

 

In ihrem Buch beschreiben Sie immer wieder den Idealismus der damaligen Verantwortlichen, die die Weltmeisterschaft als völkerverbindende und friedensstiftende Veranstaltung sahen. War das damals tatsächlich so oder ist das nur ihr Wunschdenken als Autor?

Es ist immer schwierig, aus der Retrospektive die Dinge objektiv zu betrachten. Von dem, was ich über Jules Rimet weiß, kann ich mir schon vorstellen, dass er ein Idealist war. Auf der anderen Seite darf man sich nichts vormachen. Ich bin kein Historiker, also kann ich da keine fundierten Aussagen machen. Aber wir befinden uns in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und der Nationalismus war in allen Ländern noch deutlich ausgeprägter als heute. Heute bewegen wir uns eher wieder in diese Richtung zurück, würde ich sagen. Insgesamt war es aber damals so wie heute: Es gibt wenige, die an eine gute Sache glauben und sich dafür mit allem, was sie haben, einsetzen. Und es gibt einige, die versuchen, davon zu profitieren. Dass der Fußball zumindest auf monetärer Ebene noch nicht so ausgeschlachtet war damals, liegt wohl eher daran, dass er noch keine Cash-Cow war, die man nach Lust und Laune melken konnte. Es gab noch kein System, wie man aus diesem ‚Hobby‘ ein gewinnbringendes Unternehmen machen konnte.

 

War der Fußball damals „romantischer“? Allein der Fakt, dass einige Nationalmannschaften gemeinsam mit demselben Schiff, auf dem sich auch noch reguläre Passagiere befinden, anreisen ist in der heutigen Zeit eigentlich undenkbar.

Ich weiß nicht, ich lebe in der Illusion, dass es damals an einigen Stellen fairer gewesen sein könnte und die Spieler nicht so offensiv zu betrügen versuchen wie heute und danach noch darauf stolz sind. Aber nochmal – das als Allgemeinplatz zu verkaufen halte ich für gefährlich. Wir hatten 1934, also nur vier Jahre später, eine WM, die vollkommen und offensichtlich geschoben wurde, das hat die eure österreichische Mannschaft damals ja bitter zu spüren bekommen.

Dennoch gab es sicher im Kleinen, wo es nicht so viel zu verlieren gab, mehr Spieler, die ein Foul zugegeben haben, vermute ich. Ich hätte mir z.B. so sehr gewünscht, dass die deutsche Nationalmannschaft im Achtelfinale der WM 2010 in Südafrika nach dem Ball von Frank Lampard, der für alle außer das Schiedsrichterteam sichtbar hinter der Linie war, aber nicht als Treffer gegeben wurde, sagt: „Okay, also der war drin.“ Selbst nach der Halbzeitpause hätte man zu den Engländern gehen können und sagen: „Hier habt ihr den Ball, lauft mal aufs Tor zu und haut ihn rein, dann spielen wir normal weiter.“ Ich meine, alle in der deutschen Mannschaft wussten, dass das ein reguläres Tor war. Man hätte vielleicht dieses Spiel verloren, aber man hätte doch so viel Sympathie gewonnen. Mittlerweile lernt leider auch durch so etwas jedes Kind: Betrügen ist okay, wenn man damit durchkommt. 

Aber zurück zum Thema: Ja, etwas romantischer war das insgesamt schon. Allerdings wird man das in 100 Jahren auch von dieser Zeit sagen, schätze ich.

 

Ein FIFA-Funktionär der heutigen Generation würde sich wohl kaum als „Good-Guy“ für ein Buch eignen, oder?

Ha. Darauf muss ich nicht antworten, oder? Wenn ich nicht wüsste, dass ich verklagt werde, würde ich mein nächstes Buch über eine FIFA-Zombie-Apokalypse schreiben. Ich bin immer wieder fassungslos angesichts des vollkommenen Mangels an integrem Verhalten dieser Menschen. 

 

Spannen wir den Bogen von der ersten Weltmeisterschaft 1930 zu der im Jahr 2022. Für die Vergabe nach Katar hagelte es sehr viel Kritik. Wie stehen Sie dem kommenden Turnier gegenüber?

Also das ist für mich klar: Ich werde das nicht schauen. Vielleicht das Endspiel, mehr nicht. Das ist Fakt und beschlossen. Wir haben uns neulich in unserer Fußballkneipe drüber unterhalten und meine Gesprächspartner, der Wirt und ein weiblicher SC-Freiburg-Fan, sahen das genauso. 

Klar, auf der einen Seite ist es so, dass es wohl niemanden juckt, wenn ich nicht schaue. Aber auf der anderen Seite gilt es immer noch, das Richtige zu tun. Selbst wenn die Berichte über 6.000 Tote auf den Baustellen nur halbwegs stimmen – dieses Turnier hätte nie stattfinden dürfen und sollte es immer noch nicht. Man kann sich das schönreden, wenn man will. Aber die ganze Vergabe und der ganze Wahnsinn mit den Stadien: Das ist ekelerregend. Nochmal: Ich schaue das nicht. So, und jetzt, wo ich dabei bin: Nein, das Endspiel auch nicht. 

 

Was müsste sich ändern, damit der Fußball wieder etwas von seinem Pioniergeist aus der Anfangszeit zurück bekommt?

Das wird wohl leider nicht funktionieren. Ich habe schon mit Freunden davon geträumt, dass der DFB aus der FIFA aussteigt und um den Jules-Rimet-Gedächtniscup spielt. Einen verfaulten Verband kriegt man nicht wieder sauber, da kann es noch so viele Ethik-Kommissionen geben, die wieder unterwandert werden. Es steckt einfach zu viel Geld drin und dann wird es leider schmutzig. Mir macht auch dieses ganze Champions-League-Gedöns und diese Super League echte Bauchschmerzen. Das macht einfach keinen Spaß mehr. Solange ich den SC Freiburg noch guten Gewissens schauen kann, mache ich das. Der Fußball als Weltgeschäft ist eigentlich verloren. Der ist einfach mittlerweile Opium fürs Volk. Ist schade, aber es gibt ja auch noch Kreisligen etc. 

 

Planen Sie weitere Bücher rund um das Thema Fußball?

Ja, ich schreibe gerade an einem weiteren Teil der „World-Cup-Papers“. Die Geschichte der Schiffspassage von Mannschaften und Funktionären 1930 war ja wirklich skurril. Ebenso seltsam ist die Tatsache, dass vor der WM 1966 in England der Weltpokal verschwunden war – und nach einer Woche wieder auftauchte. Diese Geschichte bietet sich geradezu zu einer literarischen Aufarbeitung an. Es kommt auch wieder eine alte Bekannte in dem Buch vor. Und es wird weniger Tote geben – das Buch ist also auch ein Krimi aber ebenso eine Art Abenteuerroman. Natürlich werden auch wieder wild Fakten mit Fantasie vermischt. 

Das Interview führte Redakteur Matthias Riemer

Der letzte Ball – Was 1930 auf der Conte Verde wirklich geschah

arete Verlag, ISBN 978-3964230744

Matthias Riemer

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Matthias Riemer
(Redaktionsleitung/Frauenfußball)

Bei 12terMann seit: 12/2013

M: matthias.riemer@12termann.at

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