Am 3. Mai 2018 verpasste es Red Bull Salzburg knapp, ein weiteres Wunder zu vollbringen und in das Finale der Europa League einzuziehen. Nach Siegen gegen internationale Top-Teams wie Real Sociedad, Borussia Dortmund und Lazio Rom, war im Halbfinale gegen Olympique Marseille Endstation. Von dieser Zeit ist in Salzburg heute nicht mehr viel übrig. Am gestrigen Donnerstag schieden die Bullen nach Hin- und Rückspiel mit 1:4 gegen den spanischen Vertreter FC Villarreal verdient aus. Doch so ärgerlich das Ausscheiden der Salzburger war, so absehbar war es auch.


Alles neu in Salzburg

Denn in Salzburg hat sich in den vergangenen Jahren extrem viel verändert. Der Kader wurde aufgrund von Spielerverkäufen (mal wieder) komplett umgekrempelt, mit Jesse Marsch ist seit 2019 ein neuer Trainer im Amt und auch die Vereinsphilosophie hat sich noch einmal ein wenig verändert. Aus dem Kader des Halbfinal-Rückspieles gegen Marseille sind nur noch vier Spieler übrig: Andre Ramalho, Andreas Ulmer, Cican Stankovic und Alexander Walke. Damalige Leistungsträger wie  Stefan Lainer, Xaver Schlager oder Munas Dabbur haben den Verein verlassen und den Schritt in eine stärkere Liga gewagt. 

Mit den Top-Stars verließ auch der frühere Erfolgstrainer Marco Rose den Verein und übergab damit seinem Nachfolger Jesse Marsch die Herkulesaufgabe, einen erneuten Kaderumbruch zu vollziehen und eine neue, konkurrenzfähige Mannschaft zu bilden. Marsch meisterte diese Aufgabe mit Bravour und erreichte in der ersten Champions-League-Saison in der Geschichte des Klubs den 3. Platz in der Gruppenphase. Mit ihrer offensiven Spielweise begeisterten die Bullen ganz Europa, der Höhepunkt dieser Saison war vermutlich die dramatische 3:4-Niederlage gegen den Liverpool FC

Einer der Leistungsträger in dieser Spielzeit war auch ein gewisser Erling Haaland, der die Abgänge von Dabbur und Gulbrandsen perfekt kompensierte und frischen Wind in das Team brachte. Dies rief jedoch auch zahlreiche Top-Teams auf den Plan, wodurch der Norweger den Verein wieder früh den Rücken kehrte und zu Borussia Dortmund wechselte.

Die kluge Transferpolitik

In Salzburg wunderte dies allerdings niemanden, diese Abgänge plant der Klub stets ein. Man sieht sich als Verein, der Talenten die Chance bietet, sich in einem hochprofessionellen Umfeld zu entwickeln und den Verein als Sprungbrett zu nutzen. Dadurch sind die Transfererlöse des Klubs extrem hoch, die Abgänge von Haaland, Szoboszlai und Minamino spulten insgesamt 48,5 Millionen Euro ein. Für die drei mussten die Bullen jedoch lediglich 9,3 Millionen Euro zahlen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Top-Klubs wird dieses Geld allerdings nicht prompt wieder für Neuzugänge ausgegeben, die die aufgerissenen Lücken schließen sollen. Stattdessen investieren die Bullen in die Zukunft und bleiben ihrer Philosophie stets treu. Man verliert sich nicht im Größenwahn und wirft nicht sofort alles über den Haufen. Salzburg zieht seine Linie konsequent fort. 

So kauft man trotz der erneuten Qualifikation für die Champions League keine teuren Stars, sondern viel eher ungeschliffene Rohdiamanten wie den US-Amerikaner Brenden Aaronson, den Schweizer Noah Okafor oder den Dänen Rasmus Kristensen. Zudem werden regelmäßig Talente wie Karim Adeyemi, Luka Sucic oder Nicolas Seiwald vom Farmteam FC Liefering hochgezogen. 

Das Ausscheiden gegen Villarreal

Doch was hat all dies, mit dem Ausscheiden der Bullen gegen Villarreal zu tun?

Die Salzburger Philosophie, Abgänge immer wieder mit blutjungen Talenten zu ersetzen geht zwar voll auf, doch kostet dies den Verein auch einiges. So zum Beispiel die Qualifikation für das Achtelfinale in der diesjährigen Europa-League-Saison. Denn die Mannschaft der Salzburger ist eben noch sehr jung und auf diesem Niveau unerfahren. Wenn junge Spieler wie Aaronson, Adeyemi oder Sucic auf gestandene und routinierte Akteure wie Daniel Parejo, Paco Alcacer oder Gerard Moreno treffen, ist die Favoritenrolle klar verteilt. 

Doch das Ausscheiden ist nicht nur mit dem Altersdurchschnitt der Bullen zu begründen, sondern auch mit fehlender Qualität einzelner Spieler auf Schlüsselpositionen sowie der zu geringen Kaderdichte und unglücklichen Zufälle. Denn Salzburg fehlen auch viele Verletzte, so zum Beispiel der Abwehrspieler Bernardo oder Offensivspieler Noah Okafor. Zudem plagten zuletzt auch Stammspieler Maximilian Wöber Verletzungssorgen, wodurch er gestern lediglich von der Bank kam. Ersatzmann Albert Vallci konnte ihn nicht adäquat ersetzen.

Hinzu kommt die Doping-Affäre rund um die beiden Malier Sekou Koita und Mohamed Camara, mit welcher nicht zu rechnen war. Diese traf Salzburg völlig überraschend und zu deren Leid auch noch nach Ende der Transferfrist, womit man auf diese Ausfälle nicht reagieren konnte. Da der Spielplan durch die vielen Spielverschiebungen und Termine aufgrund der Corona-Pandemie sehr eng ist, schadet dies dem Kader noch mehr, da Trainer Jesse Marsch somit nur sehr wenig rotieren kann, um Ausrutscher in der heimischen Liga zu vermeiden.

Die fehlende Abgezocktheit

Doch dennoch, trotz der vielen Ausfälle und Abgänge, wirken die Salzburger nie chancenlos und erweisen sich stets als harte Nuss. So spielte man in der Champions-League-Gruppenphase gegen den Titelverteidiger FC Bayern München sowie gegen den spanischen Top-Klub Atletico Madrid gut mit, wie auch gestern gegen den FC Villarreal. Das schnelle Umschaltspiel der Salzburger macht jedem Team zu schaffen, denn dadurch gelingt es den Mozartstädtern immer wieder, Chancen zu kreieren.Doch hier kommt auch schon ein weiteres Problem Salzburgs zum Vorschein: Die Chancenverwertung.

Bei der gestrigen 1:2-Niederlage gegen Villarreal konnten die Bullen ganze 11 Torschüsse verbuchen, womit man sechs mehr hatte als die Spanier. Schon im Hinspiel, das man ebenfalls verlor, hatten die Österreicher fünf Torschüsse mehr auf dem Konto. Doch trotz der zahlreichen Chancen, misslingt es den eigentlich treffsicheren Bullen, in den großen Spielen vor dem Tor eiskalt zu agieren. Dies kann sowohl auf die fehlende Nervenstärke der jungen Akteure zurückzuführen sein, als auch auf die fehlende Erfahrung. Wenn der erst 18 Jahre alte Kroate Luka Sucic die Top-Gelegenheit auf das 2:1-Führungstor vergibt, kann man diesem wohl kaum böse sein. Denn wer verlangt schon von solch einem jungen Spieler, den Verein in der Europa-League zu halten?

Die Problemstelle Tor

Obwohl man Siege oder Niederlage grundsätzlich nicht an einzelnen Spielern festmachen sollte, sind es dennoch oft diese, die den Unterschied ausmachen. Im positiven oder negativen. So hatte gestern der österreichische Nationaltorhüter Cican Stankovic einen großen Anteil an der Niederlage seines Teams. Er sah nicht nur beim ersten Gegentreffer der Spanier schlecht aus, sondern verschuldete auch noch den Elfmeter zum 1:2, welcher das Ausscheiden Salzburgs besiegelte. Doch Stankovic wackelte nicht nur bei diesem Spiel, der Österreicher hat schon seit längerem zu kämpfen und kann seine Klasse auf internationaler Bühne noch nicht wirklich zeigen. Hier kann man eventuell die Frage stellen, wieso man nicht auf den erfahrenen Alexander Walke setzt, der seine Tauglichkeit für Spiele auf der europäischen Bühne schon mehrfach unter Beweis gestellt hat.

Diese Frage kann man wohl am besten mit der vorhin von mir beschriebenen Philosophie der Salzburger beschreiben. Sie ziehen ihre Linie durch, auf junge Spieler zu setzen. Mitten in der Saison den Torhüter zu wechseln, sorgt für Unruhe, zudem hat man im vergangenen Winter mit dem Deutschen Nico Mantl einen Nachfolger für Stankovic verpflichtet, der diesen im kommenden Sommer beerben wird. 

Das Ausscheiden allerdings nur an Stankovic festzumachen wäre nicht nur dilettantisch, sondern auch schlicht und ergreifend falsch. Es sind auch die individuellen Fehler, welche auf der europäischen Bühne höhere Konsequenzen mit sich ziehen, als in der Bundesliga. Die internationalen Top-Stürmer nützen diese eiskalt aus und bestrafen somit jede Unachtsamkeit. So sah beim ersten Gegentor der Salzburger neben Stankovic auch die restliche Verteidigung nicht wirklich gut aus. Beim zweiten Gegentreffer muss sich auch Zlatko Junuzovic eine Teilschuld zuschreiben lassen, da er bei der Verursachung des Elfmeters ebenso seine Füße im Spiel hat, wie Stankovic. 

Eine vielversprechende Zukunft

Das Ausscheiden der Salzburger ist also auf mehrere Faktoren zurückzuführen, sowohl die fehlende Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, das Leistungstief einiger Stammspieler, der niedrige Altersdurchschnitt sowie die hohe Anzahl an verletzten oder nicht verfügbaren Spielern machen Red Bull Salzburg zu schaffen. Dennoch ist die Vorgehensweise des Vereins zukunftsorientiert, denn wir können uns sicher sein, dass wir in den kommenden Jahren wieder eine Salzburger Mannschaft sehen werden, die jener aus dem Jahr 2018 ähnelt und für Furore sorgen wird.

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