Nach dem Auswärtssieg im Hinspiel gegen Borussia Dortmund ist Red Bull Salzburg in aller Munde. Es war jedoch ein Sieg, der für viele Fußballbegeisterte, nicht nur für Insider, gar nicht dermaßen überraschend kam. In halb Europa fragt sich die Konkurrenz, wie so etwas möglich ist. Da kann einen schon der Neid fressen. Und wieso können traditionsbewusste Fans die Erfolge von Red Bull trotzdem gut finden?

Es ist änhlich wie bei Bayern München: Man liebt sie, oder man ist ihnen abgeneigt – um es höflich auszudrücken. Eines ist jedoch sicher: Jede Liga, in der ein Red Bull-Team mitspielt, profitiert davon. Sei es in Österreich, Deutschland oder in den USA. Was dort geschieht tut dem Fußball nachhaltig gut, weil Innovation an oberster Stelle steht. Viele Konkurrenten wurden bereits überholt und es werden in den kommenden Jahren wohl noch einige mehr folgen. Kommerz hin, Vorwürfe hier: Bei Red Bull wird auf höchstem Niveau gearbeitet, Stillstand ist ein Fremdwort – gut so!

Was macht Red Bull anders?

„Was hat der Lutz, was ich nicht habe?“, so lautete ein Werbeslogan in den 90ern. Legt man ihn auf den Fußball um, so könnte er lauten: „Was kann Red Bull, was andere (noch) nicht können?“. Den Erfolg nur auf das Geld zu reduzieren, wäre eine Möglichkeit, doch damit würde man es sich zu einfach machen. Dank Mäzen Dietrich Mateschitz hat man in Salzburg und Leipzig ohne Zweifel bessere Möglichkeiten als anderswo, aber Geld ≠ Erfolg. Freilich steckt eine Menge Kohle dahinter, doch sieht man sich jene Clubs an, die heutzutage international erfolgreich sind, so kann man festhalten: Geld spielt eben doch Fußball – aber nur dann, wenn man es richtig einsetzt. Hinter dem, was man im Bullen-Stall bisher erreicht hat, steckt ein hochdetailliertes Konzept, bei dem wahrlich nichts (und das ist keineswegs übertrieben) dem Zufall überlassen wird. Ich persönlich sehe mich auch eher der Gruppe der Traditionalisten zugeneigt, aber was Red Bull macht, beeindruckt mich. Dieses Selbstverständnis, unentwegt allen anderen einen Schritt voraus zu sein, bringt mich immer wieder – vor allem aktuell – zum Grübeln. Was machen die so anders, dass selbst in den Jugendabteilungen von Vorzeige-Talentschmieden wie Ajax Amsterdam, Sporting Lissabon oder dem großen FC Barcelona Lehrvideos von Spielen der Red Bull-Teams gezeigt werden? Ein Beispiel für die Red-Bull-Schule ist der Treffer zum 2:0 gegen den BVB – so schön kann Fußball sein:

Was man mit Sicherheit sagen kann: Red Bull betrachtet den Fußball aus einem anderen Blickwinkel und findet so Zugänge, die Anderen verborgen bleiben. Vor allem in Österreich geben die Bullen der Konkurrenz nach wie vor Rätsel auf. Ein großes Puzzlestück ist sicher auch die Struktur in einem global vernetzten Projekt. Sportlicher Mastermind dahinter ist Ralf Rangnick. Der Ex-Coach von Schalke 04, Hannover 96 und dem VfB Stuttgart ist jener neuralgische Knotenpunkt, bei dem alle Stränge zusammenlaufen. Seit der 60-Jährige im Sommer 2012 das Zepter übernahm, wurde ein Weg eingeschlagen, den so zuvor noch keiner ging. Vor allem die 2014 eröffnete Akademie in Liefering gilt als eine der besten Adressen in Europa. „Was Herr Mateschitz dort errichtet hat, wirkt sich auf den österreichischen Fußball im nächsten Jahrzehnt massiv aus”, meinte vergangenes Jahr Ex-ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner. Zu Beginn des Projektes Fußball im Hause Red Bull versuchte man, von den Besten zu lernen – nun lernen die Besten von Red Bull. Man fiel dabei einige Male auf die Nase, wie das bei einem Lernprozess eben so ist. Doch es wäre nicht Didi Mateschitz, würde man nicht immer wieder aufstehen und aus den begangenen Fehlern das Maximum lernen. Die Planung ist langfristig, mittlerweile macht sich das auch bezahlt.

Red Bull – das steht für Pressing und Gegenpressing, für schnelles Umschalten mit hohem Tempo. Die Vorgabe lautet: Von der Balleroberung bis zum Torabschluss maximal 15 Sekunden. Egal welchem Team aus dem Bullenstall man auf die Beine schaut, diese Tugenden ziehen sich durch wie ein roter Faden. Eine Grundidee, welche die Spieler ab jenem Zeitpunkt eingeimpft bekommen, ab dem sie einen Fuß auf ein Red Bull-Akademiegelände setzen.

„Ich habe in meiner Karriere noch nie gegen eine Mannschaft gespielt, die mit so einer hohen Intensität gespielt hat wie Red Bull Salzburg“ (Pep Guardiola nach dem 0:3 gegen RBS in der Vorbereitung im Januar 2014 als Bayern-Trainer)

Doch der Brausekonzern bildet nicht nur Spieler aus: Auch die Trainer sollen künftig großteils aus dem eigenen Haus stammen. Sieht man sich die letzten Jahre an, bekommt man langsam einen Begriff davon, wie ernst es Rangnick & Co damit ist. Nicht zuletzt Marco Rose lernte sein finales Handwerk in der Bullenschmiede. Mit Thomas Letsch steht nun ebenfalls ein Red Bull-Trainersprössling bei der Wiener Austria in der Coachingzone.

„Herr Mateschitz will eigene Red-Bull-Athleten aufbauen. In allen Sportarten. Und die müssen top sein.“ (Ernst Tanner, Nachwuchsleiter RB Salzburg)

Red Bull soweit das Auge reicht

Konrad Laimer, Valentino Lazaro, Stefan Lainer, Martin Hinteregger, Stefan Ilsanker, Stefan Schwab – sie alle sind aktuelle Nationalspieler, sie alle haben die Red Bull-Ausbildung durchlaufen. Doch auch abseits davon gibt es viele Kicker, die ihr fußballerisches Rüstzeug in der Bullenakademie erlernt haben. Hier lassen sich etwa Marco Meilinger (Altach), Daniel Offenbacher (WAC), Georg Teigl (Braunschweig), Philipp Zulechner (Sturm Graz), Christoph Martschinko (Austria Wien) oder Nikola Dovedan (1.FC Heidenheim) nennen. Dazu kommen noch die zahlreichen Leihspieler in den beiden obersten Ligen Österreichs. Man sieht also deutlich, dass nicht nur die Bullen selbst profitieren, sondern auch die Konkurrenz. In der heimischen Bundesliga setzen sechs von neun Bundesligisten auf Leihspieler aus Salzburg. Einen Überblick findet ihr hier.

Langfristig kann (und wird, davon bin ich überzeugt) davon die gesamte Liga profitieren. Das (höchstwahrscheinliche) Erreichen eines Champions League-Fixplatzes muss keine Red Bull-bedingte Eintagsfliege bleiben. Diese internationalen Erfolge, wie eben zuletzt gegen Dortmund, steigern auch das Renomee der Bundesliga und können dazu beitragen, dass künftig wieder bessere Spieler nach Österreich kommen oder Shootingstars nicht so schnell wieder das Weite suchen.

Auch wenn ich kein Verfechter der zuvor genannten Strategien bin, da hier eine Einflussnahme nicht ausgeschlossen werden kann, so enttäuscht mich das Verhalten von manch hochrangigen Funktionären in unserem Land doch sehr.

„Eine Entwicklung, die aufhorchen lassen sollte“

Erst kürzlich meinte Rapid-Sportdirektor Fredy Bickel, das zahlreiche verleihen von Spielern an die Konkurrenz sei „schon eine Entwicklung, die aufhorchen lassen sollte. Ich glaube nicht, dass es im Sinn der Sache ist, dass man, wenn man die Liga so im Griff hat, auch noch überall Leihspieler platzieren und damit indirekten Einfluss nehmen kann“, so der Schweizer gegenüber der APA.

Der Vorwurf, den sie hier in den Diskurs werfen lieber Herr Bickel, kommt nicht gerade subtil daher. Für mich klingt das nach Neid und Enttäuschung, im Moment nicht das leisten zu können, was ringsum erwartet wird – abgesehen davon, das ich eine andere Vorstellung von Professionalität habe. Dennoch kann ich die Aussage durchaus verstehen, denn einem vollständig fairen Wettbewerb sind derlei Dinge nicht zuträglich. Nichtsdestotrotz ist die Methode legal und zulässig, es hilft niemandem weiter sich darüber zu beklagen oder zu versuchen die Thematik wegzuleugnen. Eher würde es Sinn machen, die Umstände anzunehmen so wie sie sind und seine Lehren daraus zu ziehen, um für sich das bestmögliche herauszuholen. Zudem stellt sich mir die Frage: Würde man in Salzburg in der selben Situation auch so reagieren?

Weiters wurden die Bullen etwa auch kritisiert, als man in der Winterpause 2017 Dimitri Oberlin vom SCR Altach zurückholte, der zu diesem Zeitpunkt Salzburg’s schärfster Konkurrent war. Das fand auch ich bemerkenswert. RBS-Sportchef Christoph Freund meinte damals zu SPOX: „Genau aus diesem Grund haben wir ja die Option in dem Vertrag festschreiben lassen – wir wollten die Chance haben, ihn zurückzuholen, wenn er sich entsprechend entwickelt. Er präsentiert sich nun einfach auf einem anderen Level als im Sommer.“

Den Verantwortlichen wurde vorgeworfen, durch so ein Vorgehen die Konkurrenz schwächen zu wollen – nur, und das vergisst man leicht: Altach und Salzburg haben sich bei der Ausleihe im Sommer 2016 auf eine Klausel geeinigt, welche eine Rückholakton im Winter ermöglicht. Niemand hat die Vorarlberger dazu gezwungen, man hat sich im Schnabelholz von sich aus auf dieses Geschäft eingelassen. Ich halte die Theorie aber durchaus für plausibel, dass man Oberlin womöglich nicht zurückgeholt hätte, wäre Altach in der Tabelle nicht so weit oben gestanden.

Bevor man sich aber darüber beklagt, dass der Nachbar einen so ertragreichen Garten hat und vor lauter schönen Blumen gar nicht mehr weiß wohin damit, sollte man zuerst die Maulwurfshügel auf dem eigenen Grundstück beseitigen.

Bei Red Bull plant man mit Weitsicht, doch das ist längst nicht bei allen Bundesligisten so. Vor allem die Planung bei den Wiener Großclubs wirkt auf mich eher kurzsichtig. Dies stellt auch eine mögliche Erklärung für das fortdauernde Hinterherhinken nach den eigenen Ansprüchen dar. Kollege Gerald Gossmann hat dies in ein paar Zitaten, wie ich finde, sehr treffend zusammengefasst:

Kann auch Kommerz zur Tradition werden?

Seit 2005 läuft das Projekt Red Bull nun schon. Vor allem der Beginn war aus der Sicht von Fußball-Romantikern alles andere als kuschelweich. Ich traute meinen jugendlichen Augen nicht als plötzlich die Austria-Legende Thomas Winklhofer im Red Bull-Trikot aus der Zeitung lachte. Das mutete seltsam an, für eingefleischte Fans der alten Austria ein Affront.

Die Freude nach der Rettung durch den Milliardär war zunächst groß, man träumte davon, dass die violetten Salzburger zukünftig wieder Europa erobern. Mateschitz jedoch wollte alles ändern, ließ sich nicht beirren und ging notfalls auch auf Konfrontation mit dem Fanlager. Sein Idee war und ist Erfolg, diesem ordnete er sein Leben lang alles unter – und natürlich sollte dieser Erfolg nach seinen Vorgaben geschehen. Nichts war es mit dem – typisch österreichischen – „najo, moch ma amoi und dann schau‘ ma wos is“.

Der heute 73-Jährige blickte mit all seiner unternehmerischen Erfahrung über den Tellerrand. Zu Beginn des Projektes in Salzburg setze er jedoch häufig auf das falsche Pferd, vertraute den falschen Einflüsterern. Doch Mateschitz erkannte das, krempelte nach und nach wieder alles um, versuchte zu optimieren und die passenden Personalien zu finden – was ihm spätestens ab 2009 immer besser gelungen ist. Heute darf er ein beispielhaftes Fußballimperium sein Eigen nennen, auch wenn dazu einige Umwege nötig waren.

Die Kommerz-Vorwürfe aus allen Windrichtungen sind längst nichts neues mehr. Die Fans in Salzburg haben sie mittlerweile sogar irgendwie lieb gewonnen, so habe ich den Eindruck. Man nimmt es mit Humor. Irgendwie ist auch das mittlerweile zur Tradition geworden. Der Duden definiert das Vokabular „Tradition“ übrigens so: „Etwas, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o. Ä. in der Geschichte, von Generation zu Generation [innerhalb einer bestimmten Gruppe] entwickelt und weitergegeben wurde [und weiterhin Bestand hat]“ – so gesehen haben die Bullen mittlerweile, so denke ich, auch eine Form von Tradition.

Das leidige Fan-Thema

Das Fanlager dagegen wurde entzweit, wenn nicht gar gedrittelt. Die „alten“ Austrianer wandten sich recht bald ab und gründeten die „Austria neu“, deren Werdegang mittlerweile auch seine Höhen und Tiefen erlebt hat. Danach blieb ein Fanlager, welches sich nach und nach in zwei Gruppen teilte: Einerseits waren da die Red Bull-kritischen Fans, andererseits die Red Bull-treuen Fans. Eines Tages kam es zum großen Krach und auch die kritischen Fans nahmen Abschied.

Wie bereits erwähnt tat auch der Verein das Seine, um den Zuschauerschwund zu verstärken. Im Sommer 2016 versprach man dem Fans, dass es beim zehnten Meistertitel (drei davon durch die „alte“ Austria) den Stern über dem Vereinslogo gibt. Vor dem letzten Saisonspiel allerdings gab man bekannt, dass der Stern in Absprache mit den Sponsoren doch nicht kommt. Dies war der Grund für die endgültige Spaltung innerhalb der Bullen-Fanszene. Weiters ist es einer wachsenden Zuschauerzahl nicht unbedingt zuträglich, wenn jedes Jahr ein Großteil der besten Spieler gen Leipzig abwandert.

Genau diese Selbstaussiebung der Anhänger kann aber auch zur Basis für den Aufbau der künftigen Fanbase werden, da nun wirklich nur mehr jene übrig sind, die treu zu ihrem Club halten. Der Mannschaft wäre wirklich zu wünschen, dass ihre Leistung auch mit einer tollen Kulisse belohnt wird. Damit wären wir auch bereits beim abschließenden Thema, welches mir noch unter den Nägeln brennt.

Was macht das aktuelle Team besser als jenes von 2014?

Die Mannschaft unter Roger Schmidt, mit den Stars rund um Soriano, Kampl, Mane oder Alan wurde damals als „goldene Generation“ geadelt. Doch gerade jetzt tut man dem aktuellen Team von Marco Rose damit unrecht. Warum? Was mir auffällt ist, dass im Vergleich zu vor vier Jahren die Mannschaft in sich als Gruppe noch geschlossener ist. Der Teamgeist, der auch unter Schmidt eine große Rolle spielte, ist nun noch stärker. Jeder rennt sich für den Anderen wahrlich die Seele aus dem Leib, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Zudem finden sich im heutigen Kader keine schwierigen oder sensiblen Charaktäre mehr, wie es beispielsweise Mane, Kampl oder Alan waren. Das größte Plus jedoch stellt die Tatsache dar, dass der Großteil der Mannschaft aus dem eigenen Stall kommt und somit die Red Bull-Philosophie von Grund auf erlernt und verinnerlicht hat. Automatismen und Abläufe geschehen dadurch noch präziser und selbstverständlicher. Es ist beeindruckend, welche Ruhe dieses junge Team ausstrahlt. Ein großes Lob deshalb an Marco Rose und sein Trainergespann. Was ihr da macht, das können nicht viele – chapeu!

Auch wenn man dem Kommerz als solchem abgeneigt ist, aber man darf das Ergebnis aus der Arbeit von Red Bull durchaus schätzen.

So bleibt mir nur noch zu sagen: „Also, i find des super!“

Ich danke meinen Redaktions-Kollegen Kollegen Fabian Schinagl und Christoph Bosnjak für deren wesentliche Mitarbeit an diesem #Einwurf.

Ich verneige mich und danke für Eure Aufmerksamkeit,

Euer,

René Dutchy

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