Emanuel Pogatetz, Andreas Ivanschitz oder Daniel Royer. Sie dürfen sich mit dem Titel US-Legionär in ihren Lebensläufen schmücken. Doch auch abseits der in unseren Breiten bereits bekannten US-Profiliga MLS (Major League Soccer), gibt es ÖFB-Legionäre. Einer von ihnen ist der 22-Jährige Matthias Binder. Er zieht im Mittelfeld der Oregon State Beavers, dem Soccer-Team des Oregon State College, die Fäden.

Der junge Niederösterreicher befand sich jüngst auf Heimaturlaub. Wir haben dies zum Anlass genommen, uns mit ihm zu einem erfrischend-sympathischen Interview zu treffen, in welchem er uns über sein Leben als College-Kicker, den „American Way of Life“ und ein anstehendes Probetraining erzählt hat.

 

College-Fußball in den USA – Interview mit Österreich-Export Alexander Roth

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12terMann.at: Lieber Matthias, erstmal ein großes Danke, dass du dir in deinem Heimaturlaub die Zeit für ein Gespräch mit uns nimmst.

Matthias Binder: Bitte, sehr gerne.

Wie war dein Urlaub bisher?

Danke, sehr gut. Meine Freundin, die in Kalifornien lebt, ist auch hier. Ich habe ihr ziemlich viel gezeigt, wir waren zum Beispiel in Venedig. Ansonsten habe ich mich fit gehalten. Meine Freundin spielt ja auch Fußball, wir haben gemeinsam gespielt und sind auch einige Male Laufen gewesen. Zudem spiele ich, wenn ich hier bin, bei Fortuna Wiener Neustadt Futsal (in der Futsal-Bundesliga, Anm.), der Urlaub war somit ziemlich ereignisreich.

Wann wirst du wieder nach Amerika zurückkehren?

Am 5.1. fliege ich wieder retour. Zuerst werde ich in Kalifornien sein, da ich dort zu einem zweitägigen Probetraining eingeladen bin. Danach fliege ich wieder nach Oregon zurück.

Ein Probetraining? Gratulation, erzähl mir mehr!

Das Probetraining habe ich bei Fresno F.C., ein neues Franchise, welches dieses Jahr in der US-Soccer League (zweithöchste Spielklasse, Anm.) starten wird.

Ich habe recherchiert, dass du 2013 von der Akademie Burgenland in die USA gegangen bist. Wie ist das damals gelaufen?

Ich habe vier Jahre in der Akademie gespielt und als ich dort fertig war, habe ich mich umgesehen, welche Möglichkeiten es gibt. Da ich bereits von 2001 bis 2003 aufgrund der beruflichen Tätigkeit meines Vaters in Amerika gelebt habe, hat es mich gereizt in Amerika zu spielen. Ich habe dann die New York Red Bulls und Real Salt Lake kontaktiert und wurde von beiden eingeladen. Bei Red Bull war es so, dass es dort leider keine Akademie gab, also bin ich später zu Real Salt Lake nach Arizona gereist. Die hatten mitten in der Wüste sieben Fußballfelder und ein inkludiertes Hotel aus dem Boden gestampft, wo 70 Spieler von der U15 bis zur U19 wohnen. Das Akademiesystem ist dem österreichischen ziemlich ähnlich. Dort habe ich dann ein eineinhalbwöchiges Probetraining absolviert und es hat geklappt.

Was waren die Gründe für dich, nach Übersee zu gehen?

Ich wollte dieses neue Erlebnis, außerdem habe ich gewusst, dass ich noch nicht soweit bin, dass ich in Österreich auf höchstem Niveau mithalten kann. So hatte ich die Möglichkeit mich in Amerika noch ein Jahr lang zu entwickeln, da der Jugendfußball dort – anders als in Österreich – bis zur U19 geht. Wir hatten dort zudem wirklich großartige Möglichkeiten und sehr gute Trainer, unser Akademieleiter war unter Jürgen Klinsmann Co-Trainer beim FC Bayern und dem US-Nationalteam. Die anderen Trainer hatte alle die höchste Trainer-Ausbildung und haben füher als Profis in Südamerika, Nordamerika und Europa gespielt.

Gibt es an deinem Campus noch andere Österreicher?

Nicht dass ich wüsste. Es gibt aber einen deutschen Golfer und eine Professorin, die für fünf oder sechs Jahre in Wien unterrichtet hat.

An deiner Universität werden ja noch viele andere Sportarten angeboten wie Football und Basketball, aber auch Ringen oder – wie du bereits erwähnt hast – sogar Golf. Worin ist Oregon denn besonders gut?

Ich denke, wir sind im Baseball sehr gut. Letztes Jahr war unser Team bis zu den „Final Four“ die Nummer eins in Amerika. Aber auch im Ringen sind wir stark, unsere Ringer gewinnen beinahe jedes Jahr ihre Conference. Diese beiden Sportarten dominieren, wobei wir auch im Damen-Basketball sehr gut sind. Unterm Strich stechen diese drei heraus.

Verfolgst du eine oder mehrere davon?

Nicht wirklich, am meisten schaue ich mir das Herren-Basketball an, aber auch ein oder zwei Partien des Football-Teams habe ich bereits gesehen. Leider sind unsere Teams da nicht so gut, deshalb ist es leider nicht so lässig, sich das anzusehen.

Welche bekannten Namen hat deine Universität schon hervorgebracht?

Im Football Chad Johnson (ehem. Wide Reciever der New England Patriots, Anm.), welcher in der NFL ja als einer besten auf seiner Position galt. Im Fußball hatten wir schon ein paar Number One und Number Two-Drafts, u.a. Khiry Shelton. Im Basketball schaffte es Gary Payton jr. in die NBA, dessen Vater Gary Payton sr. sogar in der NBA-Hall Of Fame ist.

Du lebst ja jetzt seit mittlerweile vier Jahren in den USA. Betrachtest du Österreich noch als deine Heimat oder hast du schon den „American Way of Life“ übernommen?

Sicher sehe ich Österreich noch als meine Heimat, auch wenn es eigentlich mehr eine Art Urlaub ist, wenn ich drei oder vier Wochen hier bin. Ich würde Amerika jetzt noch nicht als meine Heimat bezeichnen, aber ich könnte mir vorstellen, dass es sich, wenn ich noch zwei oder drei Jahre dort lebe, mehr wie die Heimat anfühlt. Ich war in Amerika bisher nirgendwo länger als zweieinhalb Jahre, da ich zuerst in Arizona, dann in Milwaukee und jetzt in Oregon gelebt habe. Daher kann ich nicht sagen, dass es sich wie Heimat anfühlt, aber es wird jedes Jahr etwas mehr.

Vermisst du deine Heimat? Ich kann mir vorstellen, dass es speziell am Anfang schwierig war sich einzuleben, da du damals ja noch sehr jung warst.

Am Anfang war es sicher schwer, vor allem weil ich nach Arizona gezogen bin, denn ich habe in Casa Grande gewohnt, das liegt mitten in der Wüste. Um dorthin zu kommen fährst du zunächst von Phoenix aus eine Stunde südwärts, dann kommst du in eine kleinere Stadt und von da geht es nochmal etwa fünfzehn Minuten durch die pure Wüste zur Akademie mit sieben Fußballfeldern, einem Hotel und ein paar Wohnhäusern und das ist alles was du dort hast. Das war zu Beginn schon ein Kulturschock. Die Jungs dort haben mich aber glücklicherweise sofort super aufgenommen und dadurch habe ich mich schnell daran gewöhnt. Es macht die Sache ganz einfach viel leichter, wenn du 24 Stunden am Tag mit deinen Freunden und Teamkollegen verbringst. Wir hatten Spieler u.a. aus Neuseeland, Südafrika, Südkorea, Mexiko und Haiti und da hast du es dann leichter, wenn du Andere um dich hast, die mit dem selben Problem konfrontiert sind.

Kommst du eigentlich viel herum in den USA? Was hast du schon gesehen?

Durch den Fußball habe ich schon sehr viel gesehen. In den letzten vier Jahren war ich zum Beispiel in New York, Chicago, Cleveland, Indianapolis, Detroit und Seattle, aber auch in Lake Louise und Vancouver in Kanada, um einige zu nennen.

Wie siehst du die aktuellen politischen Entwicklungen in den USA?

Ich habe ehrlich gesagt wenig Zeit zum Fernsehen, aber durch die sozialen Netzwerke bekommst du doch einiges mit, was jetzt zum Beispiel die Konflikte rund um den Präsidenten betrifft. Ich selbst beschäftige mich wenig mit der amerikanischen Politik, vor allem weil mir ja kaum Zeit dazu bleibt, mein Tag beginnt um sieben Uhr früh und endet um neun Uhr abends.

Das klingt ziemlich anstrengend, wie kann man sich deinen Tagesbaluf vorstellen?

Ich stehe meistens um etwa sieben Uhr auf, dann gehe ich hinüber zum Football-Stadion zum Frühstück. Danach mache ich mich auf den Weg zur Kabine, ziehe mich um und begebe mich dann in den Physio-Raum zum Treatment, sprich Blasen abkleben, Knöchel tapen, dehnen und dergleichen. Dann geht es zum Teammeeting, wo uns unser Trainer erklärt, was wir im Training machen werden. Das Training dauert dann bis etwa 11:30 Uhr, meist gehen wir danach noch in die Kraftkammer. Am Nachmittag haben wir dann bis etwa 17 Uhr Unterricht. Nach dem Unterricht gehe ich häufig mit einigen Mitspielern noch ein wenig zum Trainieren. Wenn ich damit fertig bin, wartet noch die Hausübung auf mich. Das ist oft ziemlich stressig, aber es zahlt sich aus.

Meinen Informationen zu Folge studierst du „New Media Communications“. Wie kam es dazu, dass du dich für dieses Studium entschieden hast?

Ich habe zuvor in Milwaukee „Journalism, Advertisement and Media Studies“ studiert. Dieses Fach gab es leider in Oregon nicht, da ich aber bereits zwei Jahre in Milwaukee studiert hatte, musste ich auf „New Media Communications“ umsteigen, da das meinem vorherigen Studienfach noch am nähesten kam. Anders hätten sich meine Credits (Nachweis der bereits erbrachten Leistungen, Anm.) auch nicht nach Oregon übertragen lassen, andernfalls hätte ich die beiden Jahre verloren.

Wie sieht danach dein weiterer Karriereplan aus, wie ernst ist es dir mit der Fußballkarriere? Immerhin hast du mit 2018 das Senior-Alter von 23 Jahren erreicht.

Ich meine es mit der Fußballkarriere schon sehr ernst. Wie gesagt, habe ich ja jetzt dieses Probetraining und ich hoffe, dass es dort gut läuft und ich einen Vertrag bekomme. Ich habe durch das viele Reisen aber ziemlich viele Leute kennengelernt, die mir, falls es dort nicht klappt, weiterhelfen können und das auch schon tun, indem sie Teams kontaktieren, damit diese auf mich aufmerksam werden. In der Schule habe ich noch zwei Terms (= ein Semester, Anm.) zu absolvieren, dann habe ich meinen Abschluss, könnte danach aber noch eine weitere Saison am College spielen, also bis Herbst diesen Jahres (eine Saison dauert von März bis Oktober/November, Anm.). Auch davon hängt meine Entscheidung ab. Sollte sich in Österreich etwas ergeben, wäre aber auch das eine ernsthafte Überlegung.

Angenommen, du bekommst im Sommer ein Angebot von Fresno F.C., wo du ja jetzt ein Probetraining hast, und zum Beispiel, da wir dieses Interview hier führen, dem SC Wiener Neustadt. Wofür würdest du dich entscheiden?

Ich denke (überlegt lange)…..nun ja, ich würde mich wohl für Österreich entscheiden, da es schon immer mein Traum war als Profi in Österreich zu spielen. Da ich ja in Bad Fischau lebe, wäre der SC Wiener Neustadt aufgrund der Nähe natürlich optimal.

Auf der Homepage deiner Universität wirst du als Mittelfeldspieler geführt, was genau ist deine Lieblingsposition?

Meine Lieblingsposition ist im zentralen Mittelfeld als Sechser oder Achter. Ich habe in dieser Saison aber häufig auch als Zehner und am Flügel gespielt, aber in der defensiven Zentrale fühle ich mich am wohlsten.

Ich habe mir deine YouTube-Videos angesehen, du bist technisch sehr beschlagen, hast eine gute Übersicht. Was würdest du außerdem noch als deine Stärken bezeichnen?

Ich würde sagen, dass meine Stärken auch im Passspiel und bei den Standards liegen. Letzte Saison konnte ich aus fünf Freistößen drei Tore erzielen. Aber auch in der Spielverlagerung und im Spielaufbau sehe ich meine Stärken. In Amerika versucht man die Spiele häufig durch die Athletik zu gewinnen, aber so möchte ich nicht Fußball spielen und deswegen versuche ich den Ball möglichst tief aufzunehmen und das Spiel aus der Tiefe aufzubauen.

Welche Unterschiede siehst du im Trainings- und Taktikbereich im Vergleich zu Österreich?

Im taktischen Bereich muss sich in Amerika noch viel tun, das hängt denke ich auch damit zusammen, dass die Trainerausbildung in den USA viel leichter zu schaffen ist als bei uns. Man sieht das auch bei den Spielern. Da gibt es so viele, die körperlich viel weiter sind als viele Profis in Österreich, aber vom taktischen sowie spielerischen Verständnis nicht soweit sind, was wirklich traurig ist. Wir haben Stürmer in unserem Team, die körperlich sehr stark sind und deren Schnelligkeit beeindruckend ist, so etwas findest du in Österreich und auch in vielen anderen europäischen Ländern nicht. Die meisten spielen in der Jugend auch Football, Baseball oder Basketball und diese spartenübergreifende sportliche Entwicklung stählt die Körper einfach extrem. Aber technisch, taktisch und auch vom Passspiel her ist das amerikanische Training nicht auf dem Niveau wie in Österreich. Das Kraft- und Ausdauertraining ist dagegen auf einem viel höheren Level.

Hast du ein Vorbild?

Ich habe ein Vorbild und einen Lieblingsspieler. Mein Lieblingsspieler ist Ricardo Quaresma, aber mein Vorbild am Feld ist Luka Modric.

Warum Modric?

Weil er auch ein eher kleiner Spieler ist, er ist extrem gut am Ball, verliert ihn so gut wie nie und spielt teils mörderisch gute Pässe.

Und warum Quaresma?

Wie er damals bei Porto gespielt hat war er einfach unglaublich. Er hat seine Tricks und Finten so wahnsinnig effektiv eingesetzt, nicht nur für’s Auge. Auch seine Schüsse und Pässe mit dem rechten Außenrist haben mich fasziniert, er macht extrem viel auf diese Art und Weise.

Ich habe Quaresma schon ein paar Mal mit links flanken gesehen, seither weiß ich auch warum.

Oh ja (lacht)! Aber wenn man so einen Außenrist hat, braucht man den linken Fuß eh nicht.

Gibt es auch einen Spieler aus Österreich, denn du sehr gerne magst oder von dem du dir etwas abschauen kannst?

Ich würde sagen David Alaba, weil er für mich ein großartiger Spieler ist, auch wenn er in letzter Zeit ein wenig in die Kritik geraten ist. Er ist auf seiner Position eine Art Spielmacher und da kann ich noch einiges von ihm lernen.

Verfolgst du das Nationalteam?

So gut wie möglich. In Amerika kommt man ja kaum an TV-Bilder, auch einen Stream zu finden ist oft schwer. Ich schaue mir aber immer die Ergebnisse und Tabellen an. Ich habe auch einige europäische Teamkollegen, etwa aus Spanien, Dänemark oder England und wir matchen uns da immer ein wenig.

Stichwort Nationalteam: Ein langfristiges Ziel für dich?

Langfristig träumt jeder davon. Ich denke, dass ich noch weit davon weg bin, aber sollte es irgendwann einmal passieren, dann wäre das natürlich Wahnsinn. Ich trainiere ziemlich hart, um einmal Profi zu werden, aber das wäre natürlich ein Traum. Das sollte es ohnehin für jeden sein.

Welcher ist dein Lieblingsklub?

Manchester United.

Und in Österreich?

Ich verfolge die österreichische Bundesliga sehr wenig, aber mein Opa ist ein ziemlicher Rapid-Fan. Also wenn du mich fragen würdest, würde ich sagen Rapid.

Dann bedanke ich mich für das Gespräch und wünsche Dir weiterhin alles Gute für deine weitere Laufbahn!

 

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